Von Gabriela Rolli am 15. Dezember 2007 um 13.22 Uhr
Kategorien: Bolivien, Reiseberichte & Insider

Bolivien ist ein Land, das noch manche Überraschungen bereit hält. Auf einer Busreise durch das Land lassen sich die unmöglichsten Dinge beobachten – amüsante wie unangenehme.

bolivien bus
(Foto: Keystone / Jorge Albrego)

Die Sitze sind schmutzig, wie alle Sitze in den Bussen Boliviens. Indigene Frauen drängen ihre pompösen Röcke zwischen den Plätzen hindurch. Sie riechen alt und nach Küche. Ihre Zöpfe sind mit farbigen Pompons verziert, die Hände sind rissig und die Nägel schwarz.

Egal, ich bin auf Reisen und werde jetzt endlich mit dem Buch beginnen, das ich schon seit Jahren schreiben möchte. Der Fahrer tritt aufs Gaspedal und der Bus bahnt sich seinen Weg in Richtung Cochabamba. Die Strasse ist eine der wenigen geteerten in Bolivien. Nach nur wenigen Minuten hält der Bus und eine Frau mit einem Korb steigt ein. Die Latina beginnt ihre Ware anzupreisen. Mit bedachten, lauten Worten versucht sie das Volk zu überzeugen, ihr Ginseng zu kaufen. Gesund sei es und ohne Fleisch. Die alten, weisen, arbeitswütigen, kerngesunden und niemals müden Chinesen würden sich schliesslich nur von Gemüse ernähren, sagt sie. Man müsse ihr glauben, es sei alles im Internet nachzulesen. Die Hunde, Katzen, Schlangen und Krebse wären noch so froh, wenn die Chinesen Vegetarier wären. Dem ist leider nicht so. Ob sie wohl die Inder meinte? Auf jeden Fall sei Ginseng auch gut gegen Alzheimer. Sie macht noch etwa zehn Minuten Angst und dann kaufen ihr die Leute ihre Ware bereitwillig ab. An ihr ist eine Präsidentin verloren gegangen.


Wie soll ich bei diesem Lärm schreiben? Sie verlässt den Bus und zwei weitere indigene Frauen verkaufen ihren Käse und ihr Brot. Der Gestank im Bus ist mittlerweile kaum noch auszuhalten. Es ist, als sässe ich inmitten eines Marktes. So kann ich mich unmöglich konzentrieren. Nun drängen sie ihre verschwitzten Leiber an uns vorbei und verlassen das Gefährt.

Dann, o Graus, legt der Chauffeur eine DVD ein und ein Film wird gezeigt. Da die Leute hier “Van Damme” lieben, bin ich auf das Schlimmste gefasst. Auf jeden Fall wird etwas mit Gewalt- und Sexszenen gezeigt, egal wie viele Kinder an Bord sind. Es kommt jedoch gar nicht so schlimm. Sie zeigen einen Streifen mit Dolph Lundgren und Brandon Lee und man sieht nur selten etwas Obszönes und es sterben nur so an die hundert Menschen. Hauptsächlich von den Bösen.

Auch der schlechteste Film hat einmal ein Ende (zum Glück!), die Musik beim Fahrer wird auf maximale Lautstärke gedreht und der halbe Bus singt mit. Viel Glück hat man, wenn der Fahrgast gleich hinter einem nicht auch seinen Mund mit den verbleibenden drei Zähnen öffnet und freudig mitträllert.

Der Bus hält wieder und ein Junge mit Mundharmonika steigt ein. Er sagt was, spielt dann und singt dazu. Ich bin ja eigentlich dafür, wenn man nicht einfach die hohle Hand macht und wenigstens ein bisschen fürs Geld arbeitet. Aber dieses Kind würde wirklich gescheiter betteln… diese Stimme! Er kriegt dann auch keine Münzen, sondern was zum naschen von mir. Wieder hält der Bus und ich hoffe inständig, dass wir bei all den Pausen trotzdem noch am heutigen Tag an unser Ziel gelangen.

Der Bolivianer ist hungrig, also wird gegessen. Das wäre die Gelegenheit für das Buch, endlich ist Ruhe eingekehrt. Die Versuchung ist anderseits aber leider zu gross und ich steige ebenfalls aus. Mit Chips, die nach altem Öl riechen, füttere ich die vielen Strassenhunde in diesem Kaff. Sicher nicht das gesündeste Mahl, aber Besseres kriegen sie sowieso nicht. Dann bezahle ich sage und schreibe Geld für die widerlichste Toilette der Welt. Die Wände sind mit Fäkalien verschmiert und der Boden überflutet. Mit einem schmutzigen Eimer kann man Wasser aus einer Tonne schöpfen und die WC’s spühlen. Ich fasse den Eimer mit den Fingerspitzen und möchte soeben schöpfen, wie ich den zappelnden Fisch, der halb unter der Tonne heraus ragt, entdecke. Ich lasse den Eimer fallen und das Wasserlassen sein.

Zurück im Bus wird ein weiterer Film gezeigt. Es rauscht und knirscht aus den Boxen und ich verstehe nur spanisch. Es liegen noch vier Stunden Fahrt vor mir. Draussen regnet es und wir fahren an einer Stelle vorbei, wo ein umgekippter Bus am Hang unten liegt. Die Leute beginnen ihre Schuhe auszuziehen. Holt mich hier raus! Der Bus hält, ein Eisverkäufer steigt ein und versucht, seine Schleckware bei eisiger Kälte zu verkaufen. Das Glück ist ihm hold, der Bolivianer liebt Süsses. Aber der Gestank ist doch das Schlimmste. Man ringt mit sich: Soll man nun die Fenster öffnen und die Eiseskälte reinlassen oder soll man sie geschlossen lassen und ersticken. Es riecht nach sieben Jahre ungewaschener Kleidung. Gemäss Zeitplan sollten wir in einer Stunde da sein; ich bezweifle dies.

Aber ich soll unrecht behalten, wir kommen um genau drei Uhr in Cochabamba an. Zeit also, um mir ein Hotelzimmer zu suchen und endlich mit meinem Roman zu beginnen.

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