Von Andy Strässle am 4. Januar 2008 um 8.00 Uhr
Kategorien: Reiseberichte & Insider, Russland

Touristen ist es zu kalt, doch präsentiert sich Moskau im Winter zauberhaft verschneit. Die grösste Stadt Europas gilt heute als drittteuerste Metropole der Welt und wirkt ein bisschen gefährlich. Mit den schnelllebigen Veränderungen hält man kaum Schritt.

Der Rote Platz bei Nacht

(Foto: Digital Commons)

„Die Moskowiter leben für den Winter“, sagt Martin. Der Schnee zeichne die Stadt weicher. Es sei eine Zeit, in der Schlittschuhlaufen auf den Wegen im Gorki-Park möglich ist, und vor allem ist es eine Zeit, in der selbst die SUV der Reichen und Mächtigen hinter den Schneepflügen hinterherkriechen müssen. „Der Schnee macht alle gleich,“ erklärt Martin. Der englische Journalist lebt seit über zwölf Jahren in Russland und sagt: „In Moskau ist alles politisch, sogar der Winter.“ Das ist kein Wunder, die Stadt mit ihren 14 Millionen Einwohnern verändert sich rasend schnell. An „Moscow City“ – der russischen Version von Manhattan – wird vier Kilometer vom Kreml entfernt rund um die Uhr gebaut.

Der Schnee fällt manchmal wie ein verträumter Nebel und manchmal auch wie ein dicker weisser Teppich über die Stadt. Die Kinder ziehen Schlitten oder Snowboards hinter sich her und die Frauen tragen zum Shopping dicke Pelzmäntel. Während die Kuppeln auf dem roten Platz wirken wie im Märchen, dringt aus den Tiefen der U-Bahn-Stationen ein warmer Wind.

„Für die Russen ist Moskau untrennbar mit dem Schicksal des Landes verbunden“, sagt Martin. Der Putinsche Kapitalismus sei zwar erfolgreich, da in der Metropole beinahe Vollbeschäftigung herrsche und sich die Lebensbedingungen rasant verbessert hätten. „Dennoch sind die Menschen den Veränderungen gegenüber sehr skeptisch. Es herrscht Unsicherheit. Wenn etwas schiefgeht, geben immer noch viele Russen der Perestroika die Schuld.“

Der Gorki-Park „für Kultur und Vergnügen“ liegt an der Moskwa, an deren Uferlauf die Stadt gebaut ist. Im Winter werden die Wege zu Eisbahnen und viele Familien machen trotz der eisigen Kälte ein Picknick – natürlich nicht ohne wärmenden Wodka. Da wenig Wind bläst, friert man trotz Minustemperaturen nicht so schnell. Der Park, in dem im Sommer Konzerte stattfinden, bleibt im Winter für Ortsunkundige ein düsteres, unheimliches Labyrinth. Kein Ort, an dem man sich verlaufen möchte.

Während Moskau den internationalen Handel anzieht, finden unter den orientalischen Torbogen der Kasan U-Bahn-Station viele kleinere Geschäfte statt. Menschen vom Land verkaufen Kaviar oder selbst gebrannten Wodka. Während es von Polizei und Armee nur so wimmelt, sammeln hier Männer leere Flaschen und Zigeunerfamilien wärmen sich auf. Die Kälte treibt die Leute zusammen, aber es bleibt eine spürbar angespannte Gemeinsamkeit. Martin erklärt: „In Moskau, in Russland ist die Geschichte überall, von den Monumenten der Zaren über die U-Bahn, die unter Stalins Generalplan gebaut wurde. Da bist du manchmal froh, wenn der Schnee das alles zudeckt und du die Vergangenheit einen Moment lang vergessen kannst.“

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