Von B. Jäger-Dabek am 5. Mai 2009 um 14.30 Uhr
Kategorien: Litauen, News

Vilnius, die prächtig restaurierte litauische Hauptstadt wurde einst das Jerusalem des Nordens genannt und war ein Ort des Zusammenlebens vieler Kulturen. Als erste Stadt einer ehemaligen Sowjetrepublik trägt Vilnius 2009 den Titel “Kulturhauptstadt Europas” – und ist nicht nur deshalb eine Reise wert.

Vilnius ging allein im letzten Jahrhundert 13-mal von einer Hand in die andere und ist eine Stadt mit vielen Namen und ein Symbol der Möglichkeit des friedlichen Miteinanders in Europa. Es lockt durch seine schöne Lage zwischen grünen Hügeln an der Wilia und seiner wunderschön restaurierten barocken Architektur viele Touristen an. Die Altstadt steht seit 1994 auf der UNESCO-Liste des Weltkulturerbes.
In diesem Jahr hat sich Vilnius besonders herausgeputzt. 2009 ist für Litauen und seine Hauptstadt Vilnius nämlich gleich doppelt wichtig: Erstmals trägt mit Vilnius die Metropole einer ehemaligen Sowjetrepublik den Titel “Kulturhauptstadt Europas”. Ausserdem feiert mit Litauen das grösste Land des Baltikums seine erste schriftliche Erwähnung in den Quedlinburger Annalen vor 1’000 Jahren.

Reiche Geschichte vieler Kulturen
Die 1323 gegründete alte Hauptstadt des Grossfürstentums Litauen hiess nach alten Chroniken zunächst “Vilnia”, später nannten es die Polen “Wilno”, die Deutschen “Wilna”, die Juden “Vilne” und die Litauer “Vilnius”.
Die Stadt wurde nach der polnisch-litauischen Vereinigung von 1387 ein Zentrum polnischer Kultur, der litauische Grossadel und die Intelligenz polonisiert. Seit der Gründung der Universität 1579 zog die Stadt Gelehrte, Künstler und Literaten aller möglicher Nationen an. Hier studierten die Begründer der polnischen Romantik Juliusz Slowacki und Adam Mickiewicz, dessen Nationalepos “Pan Tadeusz” mit den Worten „Litauen mein Heimatland“ beginnt.

Über den Dächern von Vilnius. Foto: B. Jäger-Dabek

Über den Dächern von Vilnius. Foto: B.Jäger-Dabek

Das Grossfürstentum Litauen war ein multiethnischer Staat. Schon Gediminas hatte Handwerker und Kaufleute aus aller Herren Länder nach Vilnius eingeladen, wobei der Grossfürst, der ab 1316 regierte, allen Religionen freie Glaubensausübung zusicherte. Vytautas holte Anfang des 15. Jahrhunderts Tataren und Karaimer von der Krim, auch Weissrussen und Ukrainer siedelten hier.
Sie alle bauten und werkelten an dieser Stadt: Deutsche Baumeister brachten die Backsteingotik. Barockkünstler aus Süddeutschland, dem Habsburgerreich und Italien gestalteten Kirchen und Türme italienisch anmutend um und schufen mit einheimischen Meistern zusammen den Vilniusser Barock. Dazu kamen Moscheen, russische Kasernenbauten und grosse orthodoxe Kirchen sowie Schmuckstücke des Klassizismus wie das Alte Rathaus und die Weisse Kathedrale. Wilna ist in die Höhe gebaut, eine Stadt der Türme, die eine in Jahrhunderten gewachsene Stadtlandschaft markieren. 40 Kirchen, malerische Gassen sowie ein kulturelles Zentrum des Judentums mit 105 Gebetshäusern und Synagogen besass Vilnius.

Jüdische Vergangenheit als Jerusalem des Nordens
Vor dem Krieg war Wilno, das damals zu Polen gehörte, tatsächlich eine polnische und jüdische Stadt. Das bekannteste Buch über die Stadt wurde von einem Polen geschrieben. Czeslaw Milosz, der polnische Literatur–Nobelpreisträger, ist in Litauen geboren. Seine Erinnerungen an das Wilna, das es nicht mehr gibt, schrieb er in „Die Strassen von Wilna“ nieder. Dort zeichnet er das Bild einer vielsprachigen, kosmopolitischen Stadt mit vielen Kulturen.

“Jerusalem des Nordens” hatte Napoleon Vilnius im Jahr 1812 genannt; denn hier genossen Juden Freiheiten wie nirgends sonst. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs war Vilnius eine brodelnde, geistig rege, wirtschaftlich prosperierende Stadt. Nach dem Ersten Weltkrieg kam Vilnius erst zu Polen, dann zu Litauen und bald darauf wieder zu Polen, 1940 schliesslich zur Sowjetunion.
Mit dem Einzug der Deutschen im Zweiten Weltkrieg war das Grauen nach Vilnius gekommen. Über 100’000 Juden gingen ins Wilnaer Ghetto, nur 6’000 überlebten.

Neues Leben in der Altstadt
Malerische, winklige Gassen gibt es in der wunderbar restaurierten Altstadt, interessante Museen. Prächtige Bauten verschiedenster Epochen zwischen Kuppeltürmen orthodoxer und schlank aufragenden Türmen katholischer Kirche bezeugen immer noch die besondere Lage dieser Stadt an der Grenze von Ost und West. Dennoch, etwas scheint nicht zu stimmen in all dieser Schönheit:
Einst füllten jiddische Laute die engen Gassen in Wilnos Altstadt. Händler boten lautstark ihre Waren feil, Karren zwängten sich durch die vom buntem Treiben und prallen Leben erfüllten Strassen. Talmudschüler eilten mit Büchern unterm Arm lebhaft diskutierend zu ihrer Jeschiwe. Überall war spürbar, dass das jüdische Wilno eine Hochburg des Geisteslebens war. Hier erschienen Jahr für Jahr Tausende jiddischer Bücher, hier wurden sie gelesen und diskutiert.

In den Strassen von Vilnius. Foto: B. Jäger-Dabek

In den Strassen von Vilnius. Foto: B.Jäger-Dabek


All das fehlt unwiederbringlich, und das macht die seltsame Atmosphäre der Altstadt von Vilnius aus. Die Menschen, die sie prägten wurden ausgelöscht. Die Bevölkerung von Vilnius ist ausgetauscht – heute leben hier 600’000 Menschen, von denen gut die Hälfte Litauer sind, jeweils ein Fünftel stellen Russen und Polen.

So ist wieder Leben in die Altstadt von Vilnius eingekehrt, aber es ist ein anderes Leben, ein neues Leben, das nur noch in den steinernen Zeugen ein Bild des alten Vilnius liefert, das ein Europa im Kleinen war. Die Gegenwart in dieser Stadt allerdings ist faszinierend genug, und so hofft Staatspräsident Valdas Adamkus zu Recht, dass Europa in diesem Jahr Litauen als Nachbarn entdecken wird. Die Organisatoren des Kulturhauptstadt-Projektes rechnen in diesem Jahr mit 15 Prozent mehr Touristen und rund drei Millionen Besuchern in Vilnius.

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