Von B. Jäger-Dabek am 21. Mai 2009 um 12.00 Uhr
Kategorien: Litauen, Reiseberichte & Insider

Die Jacken knattern im heftigen Wind wie lose Segel. Er weht Sandschwaden wie Meeresgischt über den Boden, Tausende feinster Sandkörner pieken wie Nadeln im Gesicht und bald knirscht es zwischen den Zähnen.

Auf den Dünen der Kurischen Nehrung

Auf den Dünen der Kurischen Nehrung. Alle Fotos: B.Jäger-Dabek

Eine Dünenwanderung auf der Kurischen Nehrung beginnt man am besten in der Gegend von Nidden (siehe Karte) von einem der Parkplätze aus. Holzbeplankte Laufstege führen, den frisch sich ansiedelnden Pflanzenteppich schonend, mitten hinein in die Wüstenlandschaft der grossen Dünen.
Die festen Wege enden dort, wo die Wüste beginnt. Von hier an sucht man sich seinen Weg selbst durch den Sand. Ganz oben auf den Dünenkämmen – ein grandioser Blick: Nach Osten zu schimmert das Haff blaugrün in der Morgensonne, gegen Westen die aufgewühlte dunkle Ostsee mit kleinen Schaumkronen. Die Wassermassen wälzen sich auf den fast weissen Strand, toben sich aus in flaschengrüner Brandung, die sich auf dem flachen Sandstrand donnernd in weisse Gischtstrudel überschlägt und züngelnd ausläuft.

Größere Kartenansicht

Weisse Wolkengebirge jagen über den blitzblauen Himmel, Wolkengebilde zum Greifen nah. Der warme Sommerwind rüttelt, erprobt die Standfestigkeit, peitscht die Haut mit Sand; kein Wunder, dass sich hier oben keine Pflanze hält. Aber an jeder windabgekehrten Stelle finden sich Gräser, denn der Wind bringt ja auch Samen mit sich, ebenso in den vielen verschwiegenen Mulden. Verstecken für Mensch und Natur. Hier wärmt die Sonne, stundenlang kann man geniessen, hört das Sirren des Sandes im Wind, hört jeden Mensch von Weitem durch das Knattern seiner Kleidung, hört manchmal sogar die Brandung weit unten als stetiges Rauschen, schmeckt das Salz des Meeres an den Lippen und den salzigen Sand im Mund.

Die Sage der “Neringa”
Glaubt man der Sage, hat eine Riesin diese Landzunge geschaffen. Die Fischertochter Neringa wurde zur Riesin, trug in ihrer grossen Schürze Sand heran und kippte ihn in die See. So rettete sie die Fischer vor dem tobenden Meeresgott Bangputis. Die Landzunge wurde künftig ihr zu Ehren “Neringa” genannt. Tatsächlich entstanden ist diese einzigartige Dünenlandschaft der Kurischen Nehrung letztlich erst durch menschliches Fehlverhalten.
Schon zu Zeiten des Deutschen Ordens und dann noch einmal während der Regierungszeit des Grossen Kurfürsten wurde der Urwald durch umfangreiche Rodungen gelichtet, noch allerdings ohne dramatische Folgen. Als dann aber russische Kosaken während des Siebenjährigen Kriegs von 1756 bis 1763 massiv ganze Waldstücke niederschlugen, weil Holz für das russische Flottenbauprogramm gebraucht wurde, nahm das Verhängnis seinen Lauf.

Der Schutz des Waldes vor dem Wind fehlte, der Boden war seines Haltes beraubt, die Pflanzendecke riss auf, der Erosion war Tür und Tor geöffnet, bis der Weststurm die Pflanzenschicht mit sich fortriss und den Sand ungehindert an der Küste auftürmte. Die Sandhaufen wuchsen und wuchsen, bis sie zu den heute bekannten an die 60 Meter hohen Dünengebirgen wurden.
Nirgends fand der feine Sand einen Halt, die Dünen wälzten sich über die Nehrung wie Lavaströme, und genau wie Lavaströme verschütteten sie Ackerflächen und auch 15 Dörfer. Erst Ende vergangenen Jahrhunderts begann man mit wirkungsvollen Schutzmassnahmen, um wenigstens die für die Menschen gefährlichsten Wanderdünen zu stoppen.

Der Tourismus heute
Heute ist die Nehrung bei Nidden zwischen Russland und Litauen geteilt und auf beiden Seiten streng geschützter Nationalpark. Auf russischer Seite gibt es kaum Hotels mit West-Standard, sodass sich der über den Tagestourismus hinausgehende Teil des Reiseverkehrs auf Litauen und dort vornehmlich auf Nidden und Schwarzort konzentriert. Und noch etwas bleibt so ziemlich auf den litauischen Teil beschränkt: Elche, die man mit etwas Glück sogar von der Strasse aus im Dickicht sehen kann.

Nidden, das längst kein verträumtes Fischerdorf mehr ist, bietet sich an als Standort für Reisende, die bei aller Naturverbundenheit doch ein wenig buntes Leben und Treiben schätzen.
Bernstein gibt es hier in allen nur erdenklichen Variationen – von der günstigen Massenware auf langen Tapeziertischen an allen Ecken bis zu Anspruchsvollem in speziellen Geschäften. Es macht Spass, die schönen Kunstgewerbeläden zu durchstöbern. Wie kreativ man doch mit Bernstein umgehen kann! Viel Hölzernes sieht man jetzt auch, nicht nur die traditionellen Kurenwimpel der Fischer. Kuren, wie auch Litauer, waren schon immer grosse Meister der Schnitzkunst.

Das Thomas-Mann-Haus in Nidden.

Das Thomas-Mann-Haus in Nidden.


Zum Badestrand an der Ostseeküste ist es ein ganzes Stück zu laufen, fast vier Kilometer. Denn unweit von Nidden, am Bullwikscher Haken, ist die breiteste Stelle der Nehrung. Fast vom Scheitelpunkt der Höhe hört man das Rauschen des Meeres. Das war es, was Thomas Mann so sehr an der Nehrung schätzte, dass er sich hier ein sehenswertes Sommerhaus baute: das allgegenwärtige Meeresrauschen. Sobald er sein Haus zum Spaziergang verliess, oder mit der Pferdekutsche abgefahren war, begleitete ihn das stetige, gleichförmig vertraute Rauschen. Zwar ist der Strand in Ortsnähe bevölkert, aber das verliert sich hier auf der Nehrung am mit fast hundert Kilometern längsten Sandstrand Europas. Stundenlang kann man hier ungestört am Strand entlang laufen, und trifft nicht eine Menschenseele.

Um Bernstein zu finden, darf man nicht zu spät kommen, sonst entdeckt man nur noch winzige Bröckchen. Falls die Beute für den Rückweg zu Fuss zu schwer wird, kann man auch für einen Spottpreis von der Bushaltestelle an der Strasse aus mit kleinen Sammeltaxis nach Nidden zurückfahren, oder man mietet sich gleich Fahrräder.

Meist plätschert das Haff nur schlapp ans Ufer, manchmal ist es aber gar kein so niedliches Planschbecken. Viel Wind bringt auch hier einen Seegang zustande, der die Fischerboote ordentlich stampfen und rollen lässt. Bei ruhigem Wasser sollte man sich einen Segeltörn auf dem Haff mit einem alten Kurenkahn nicht entgehen lassen – nach drüben auf die andere Seite des Haffs, in die Minge oder zum Windenburger Eck. Besonders am Abend eines sonnigen Tages, wenn der Wind eingeschlafen ist, ist so eine Haffpartie angesagt.

Wer sich die Zeit nimmt zu verweilen, wird die Nehrung mit allen seinen Sinnen in sich aufnehmen und diese Bilder, diese Farben, diesen speziellen, mit Kiefernharz gewürzten Salzgeschmack, den Geruch des sandigen Windes nie mehr vergessen. Er wird Wilhelm von Humboldt zustimmen, der einst sagte: Die Kurische Nehrung ist so merkwürdig, dass man sie eigentlich ebenso gut als Spanien und Italien gesehen haben muss, wenn einem nicht ein wunderbares Bild in der Seele fehlen soll.

Weiterempfehlen