Von B. Jäger-Dabek am 29. Juni 2009 um 15.00 Uhr
Kategorien: Estland, Reiseberichte & Insider

Estland ist das nördlichste der drei baltischen Länder und fällt etwas aus dem Rahmen: Die Esten sind zwar Balten, ihre Sprache, das Estnische, ist jedoch ganz und gar nicht baltisch und damit indoeuropäisch. Es gehört vielmehr zur finno-ugrischen Sprachfamilie. Dies, die geografische Nähe und einige andere historische Bindungen begründen Estlands besondere Beziehung und Orientierung zu Finnland.

Zwar rechnet man Estland oft zu Osteuropa – es grenzt ja auch an Russland -, es hat aber kulturell mit dem slawischen Raum nichts zu tun, auch nicht, was die Religion betrifft, denn die Esten sind zu 80 Prozent Protestanten. Sich selbst rechnen die Esten eher den Nordländern zu.
Das Land hat nur 1,5 Millionen Einwohner, fast ein Drittel davon lebt in der Hauptstadt Tallinn (Reval). Nur 35 Esten kommen auf einen Quadratkilometer, damit ist Estland die am dünnsten besiedelte Baltenrepublik. Ein bevölkerungspolitisches Problem hat die 1991 wiederentstandene Republik allerdings trotzdem, denn durch zwei Weltkriege mussten Hunderttausende ins Exil, und die Sowjetisierung brachte eine Russifizierung mit sich, sodass heute nur etwa 61 Prozent der Bevölkerung Esten sind.

Estland ist der kleinste der drei Baltenstaaten und nur ein wenig grösser als Dänemark. Etwa ein Drittel des Landes ist Wald, 1400 Seen gibt es hier. Der grösste der Seen, der Peipussee ist mit 3555 Quadratkilometern der fünftgrösste See in Europa.

Die estnische Küste ist mit 3780 Kilometern die bei Weitem längste der Baltenstaaten und ist im Gegensatz zu den Küsten Lettlands und Litauens stark zerklüftet – viele Inseln, Halbinseln, Buchten und schärenartige Einschnitte gibt es, und schier endlose Sandstrände zeichnen ein abwechslungsreiches Landschaftsbild, an dem Vieles an Finnland erinnert. Das Land ist für Entdeckungsreisen und sanften Tourismus wie gemacht.

In jeder Hinsicht Zentrum des Landes ist Tallinn. Hat man einmal den Ring von Plattenbauten durchfahren, nähert man sich der alten Hansestadt mit dem mittelalterlichen Stadtkern. Dieses Tallinn ist eine der besterhaltenen mittelalterlichen Stadtensembles Europas und lädt zu einem sommerlichen Besuch seiner Gassen, Wehrtürme und alten Häuser ein, den man stimmungsvoll in einem Strassencafé ausklingen lassen sollte. Dort kann man die ganz besondere Stimmung der hellen Nächte geniessen.
Tallinn, die mittelalterliche Hansestadt, bildet in jeder Hinsicht das Zentrum Estlands. Alle Fotos: B. Jäger-Dabek

Nicht nur Tallinn sollte man sehen! Estland bietet genug Sehenswertes für einen ganzen Urlaub. Die Westküste, romantisch zergliedert mit verschwiegenen Buchten und herrlich weissen Sandstränden, lädt zum Baden und zum Wassersport ein. Die vorgelagerten Inseln sind Naturschutzgebiet und ein Paradies für Naturliebhaber; sie sind prädestiniert für Ökotourismus und Ferien auf dem Bauernhof.

Im Norden Estlands, im Dreieck zwischen finnischer und russischer Grenze, findet man in der Gegend der Narva wunderschöne klassizistische Herrenhäuser und imposante Wehrburgen. Sie lassen einen die sowjetische Vergangenheit fast vergessen.lahemaa2_kleinHier bieten sich der Lahemaa-Nationalpark und St. Petersburg als Ausflugsziele an.
Der Süden ist das Land der Wälder und Seen, verträumte Dörfer mit Spuren alter baltischer Kultur, estnischer Traditionen und Musik. Die Esten sind – wie im Grunde alle Balten – ein Volk der Sänger mit wunderbaren sommerlichen Gesangsfestivals. Es ist bezeichnend, dass der Weg in die Unabhängigkeit von 1991 singend erfolgte. Bei der grössten Demonstration, die Tallinn je sah, versammelten sich 300’000 Teilnehmer des estnischen Festivals „die Lieder Estlands“ im Sommer 1988 und forderten die Souveränität – die singende Revolution hatte begonnen.  Diese
Sängerfeste finden bis heute in den Baltenrepubliken statt, auch in Estland, in diesem Jahr vom 2. bis 5. Juli.

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