Von B. Jäger-Dabek am 11. September 2009 um 9.00 Uhr
Kategorien: Ägypten, Allgemein, Länder, Reisetipps

Kairo, die ägyptische Hauptstadt am Nil, ist eigentlich keine Stadt. Al Qahira, wie die Araber sagen, “die Siegreiche”, ist eine Welt für sich. Ein Moloch mit mindestens 17 Millionen Einwohnern. Wine Megacity, die niemals schläft. In Kairo prallen alle Gegensätze der Welt aufeinander.

Es fängt schon an mit der Lage: Als Stadt im Grün des Nilschwemmlandes gedacht, frisst sich der Moloch immer weiter in die Wüste hinein, kommt der Wiege seiner Jahrtausende alten Kultur, den Pyramiden im Vorort Gizeh immer näher.

Kilometerweit erstrecken sich das Gewirr der kreuz und quer neben- und übereinandergeschachtelten Wohnviertel neben den gewaltigen Magistralen, die ins Zentrum führen.

Dazwischen unzählige Moscheen – es gibt davon gut 1’000 in Kairo – und Minarette, und über allem der aufgewirbelte und herangewehte Schleier des Wüstensands. Plötzlich taucht immer mehr Grün auf, und die Zahl der Betonblöcke und immer riesiger werdenen futuristischen Wolkenkratzer aus Glas und Stahl wächst an. Sie säumen den Nil, die Lebensader dieser Stadt. Hier findet man die noblen Hoteltürme und eleganten Shoppingcenter und damit ein Kairo, das einer westlichen Metropole zum Verwechseln ähnelt.
In der islamischen Altstadt, die seit 1979 auf der UNESCO-Weltkulturerbeliste steht, herrscht ein Gewirr von Gassen, die im Khan el-Khalili, dem alten Basarviertel vollends zum Labyrinth wird. Die Gerüche des Orients nehmen den Besucher gefangen; diese unvergleichliche Melange von Gewürzdüften, dem Geruch von schwerem, süsslichen Parfüm und frischem Gebäck. Dazu eine Kakophonie von allen möglichen Geräuschen, die zusammen mit dem Dauergehupe im Strassenverkehr zu beachtlicher Lautstärke anschwillt.

Ein Gewusel von Menschen. Schwer bepackte Männer mit grossen Bündeln oder Steigen voller Sesamkringel auf dem Rücken hasten durch die Menge. Basarverkäufer, die freundlich aber beharrlich versuchen, Schaulustige in ihre Läden zu locken, Männer, die gleichmütig in den kleinen Kaffeehäusern ihre Shisha, die Wasserpfeife, rauchen und am Tee nippen. Es ist nicht zu übersehen, Männer sind hier in der Überzahl.

Dazwischen an den Ecken der Gassen Moscheen, von deren Minaretten sich der Muezzin fünfmal täglich mit seinem Gebetsruf Gehör zu verschaffen sucht. Archaisch anmutende Eselskarren mit Scheibenrädern und moderne Massenverkehrsmittel wie die Metro kontrastieren an jeder Ecke. Plötzlich scheinen die Fahrzeuge von allen Seiten gleichzeitig loszufahren, bewegen sich sternförmig aufeinander zu, bis sich alles scheinbar hoffnungslos ineinander verkeilt hat und ein hupendes Knäuel von wild gestikulierenden Menschen, Mopeds mit Anhängern, Eselskarren, Autos, Bussen und Transporter ist. Urplötzlich löst sich das Gewirr genauso grundlos wieder auf.

Kairo ist das täglich gelebte Chaos. Gemischt ist das faszinierende Ganze an jeder Ecke mit einem Stück Weltkulturerbe wie der Moschee Al-Hakim mit ihrer Sammlung von Tausenden Kalligraphien, der Stadtmauer, von der man die islamische Altstadt überblicken kann.

Die Welt des Islams und der Basare erstreckt sich westlich des Midan el-Hussein und zwischen den Stadttoren Bab al-Futuh und Bab Zuweila beiderseits der fast zwei Kilometer langen Al-Muizz Li Din Allah-Strasse. Tagelang kann man diesen, nach Branchen wie Gewürzhändlern, Teppichhändlern, Messing- und Goldschmieden oder Wasserpfeifenhändlern unterteilten quirligen Basarkosmos durchstreifen. Das Markttreiben beschliesst hinter dem Bab Zuweila die überdachte Marktgasse der Zeltmacher. Hier versteht man, warum Kairo in den Geschichten von “1001 Nacht” “Um al-Dunia”, die Mutter der Welt genannt wurde.

Kairo ist auch ein Zentrum des Islam. Die bereits 971 mit einem wunderschönen Innenhof erbaute Al-Azhar-Moschee ist zugleich islamische Universität und stellt für die sunnitischen Muslime die höchste Instanz in Glaubensfragen dar.

Wenn es aber um die schönste Moschee von Kairo geht, sind sich die Experten einig: Die 879 fertiggestellte Ibn Tulun Moschee ist eine der schönsten Moscheen der Welt. Vor allem Eines aber wird der Besucher beim Besuch egal welcher Moschee bemerken: Sie sind allesamt Oasen der Stille in der hektischen Stadt.

Wieder eine ganz andere Welt ist das Börsenviertel, das eine Mischung zwischen Arabien, Klein-Paris und Kolonialstil darstellt mit seinen italienischen und französischen Architektureinflüssen des 19. und 20. Jahrhunderts. Diese Prachtbauten brachten Kairo einen weiteren Beinamen ein: Paris am Nil.

Bleibt noch das Kairo, das der Grund für die Bildungsreisen nach Ägypten ist. Mitten in der Stadt am Midan al-Tahrir steht das Ägyptische Nationalmuseum, ein unglaubliches Museum mit über 140.000 Ausstellungsstücken zur Geschichte des Pharaonenreichs. Wer mehr sehen will als nur die Grabbeigaben Tutenchamuns, braucht allein dafür mehrere Tage.

Auch wenn sich die Pyramiden etwas ausserhalb der Stadt bei Gizeh befinden, gehören diese letzten noch existierenden Weltwunder der Antike doch zu Kairo. Seit über 4’500 Jahren stehen sie dort weithin sichtbar. Gebaut wurden sie als Grabstätten für die Könige Cheops, Chephren und Mykerinos. Die Cheops-Pyramide ist die älteste und grösste mit ihren 140 Metern Höhe. Sie allein besteht aus über 2,3 Millionen Steinquadern, von denen jeder einzelne 2,5 Tonnen wiegt. Bewacht werden die Pyramiden seit viereinhalb Jahrtausenden vom Sphinx, einem 22 Meter hohen und 70 Meter langen Löwen mit Menschenkopf.

Das ist nun immer noch lange nicht alles, was es in Kairo zu sehen gibt, und auch die Kontraste gehen scheinbar beliebig weiter. Das koptische Viertel Kairos ist älter als jeder islamische Stadtteil und wird bis heute von koptischen Christen bewohnt. Hier stehen die ältesten und schönsten Kirchen Ägyptens. Wenigsten die über 1’000 Jahr alte hängende Kirche Al-Muallaqah sollte man gesehen haben.

Es ist also kein Wunder, wenn  die meisten Ägypten-Reisenden mehr als einmal kommen. Big Mango wird Kairo neuderdings in Anlehnung an den Big Apple New York genannt. Doch an Lebendigkeit schlägt meines Erachtens Kairo selbst das quirlige New York um Längen, die Wüstenmetropole schläft nie.

Alle Fotos: Brigitte Jäger-Dabek

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