Von Udo Habermann am 13. August 2010 um 8.00 Uhr
Kategorien: Japan, Reiseberichte & Insider

Morgens um sieben fühlt sich die Haut jeweils dermassen klebrig an, dass es einem wörtlich zum aus der Haut fahren zu Mute werden kann. Die Sonne erhitzt den alles beherrschenden Beton und Asphalt tagsüber so stark, dass der Boden und die Luft in der Nacht nicht mehr abkühlen. Das Wetter ist schwül, und Wind will auch keiner wehen. Und trotz dieser öden Wüste sind es Zikaden, die den Tag mit ihrem exzessiven Gezirpe anheben, um beim nächsten Sonnenaufgang irgendwo auf dem Rücken liegend elend zu verdorren.
Auf dem Balkon bäckt die Sonne meinen Futon, und die körperlichen Ausdünstungen der Nacht mischen sich der Luft bei. Die Schweissschicht, die sich im Schlaf angesammelt hat, dusche ich mir mit kühlem Wasser vom Körper. Schon beim Frottieren perlt frischer Schweiss aus allen Poren. Hat dieser Sommer denn kein Ende?


Das Umeda Sky Building in Osaka. Foto: Wikimedia Commons; Suisui.

Das Wohnviertel, das ich auf dem Weg zur U-Bahn durchquere, ist schon früh auf den Beinen. Verdunstende Wasserlachen vor den Türschwellen demonstrieren die Sauberkeit der dahinterliegenden Häuser. Buckelige alte Frauen stossen ihren vierrädrigen Einkaufswagen vor sich her, der ihnen zugleich als Stütze dient. Manchmal ruhen sie sich auch darauf sitzend aus. Selten heben sie im Schlurfen ihr Haupt, um zu schauen, ob nichts im Weg steht. Aber eigentlich hat sich der Weg, den sie täglich gehen, schon tief in den Windungen ihrer Gehirne eingeprägt, und das Aufschauen gehört zu ihrem Ritual.

Obwohl ich es mir aus ökologischen Überlegungen abgewöhnt hatte, kaufe ich mir eine Dose Limo an einem der zahlreichen Getränkeautomaten. An jeder Ecke lauert einer auf potentielle Kunden, und in einer Stadt mit schachbrettartigem Strassenverlauf sind der Ecken viele. Beim einem “Convenience Store” unterwegs kaufe ich noch eine Zeitung. Der Verkäufer sieht von der Nachtschicht noch mitgenommen aus, grüsst jedoch prompt auf English und “smilt” dazu bis hinter beide Ohren.

In der U-Bahn hat es noch reichlich Stehplätze; anders zur Rush Hour am Abend, wenn alles nach Hause drängt. Dann sind die Arme an den Körper gepresst, und kein juckendes Ohr kann von seinem unangenehmen Gefühl durch eine kratzende Hand erlöst werden. Das Wageninnere wird durch orkanartige Klimaanlagen oder rotierende Ventilatoren an der Wagendecke so stark heruntergekühlt und bewindet, dass es unangenehm kalt ist.

Ich verlasse mein Zuhause relativ früh, damit ich rechtzeitig vor der Öffnung der Zentralbibliothek vor deren Toren anstehen und mir eine der begehrten Nummern für die persönlichen Studiernischen ergattern kann. Meine Konkurrenz besteht aus einer Heerschaar von Oberschülern, die ihre Aufgaben über die Sommerferien noch nicht erledigt haben. Und die Bibliothek ist angenehm kühl. Mittags verlasse ich den Zufluchtsort kurz und vertilge meinen am Morgen zubereiteten Lunch. Im Paket liegt Reis, eine saure, noch nicht entsteinte Pflaume, gebratenes Ei, Seetang und Eingelegtes.
Gegen vier habe ich vom Lernen genug und begebe mich zu Fuss zum Hauptbahnhof. An einer Ampel verdient sich ein Punk sein Zubrot, indem er Papiertaschentücher an wartende Passanten verteilt. Auf der Verpackung stehen Nummern für Telefonsex.

Auf dem Platz vor dem Hauptbahnhof, der als riesige Bushaltestelle dient, haben sich in den grünen Parzellen unzählige Obdachlose einquartiert. Sie residieren auf blauem Plastik oder hellbraunem Karton, lesen Zeitung oder blättern in einem Manga. Es scheint, als ob jeder Zwergbaum ebenso zum Besitz des darunter Hausenden gehört, wie die an dessen Geäst aufgemachten Habseligkeiten. Die Gesichter sind braun gegerbt, und weisse Bartstoppeln glänzen in der Sonne. In nicht allzu weiter Ferne reflektiert sich das Licht im Umeda Sky Building, einem futuristischen Bau aus Glas, der irgendwie der Grande Arche im Pariser Quartier La Défense ähnlich sieht.

Auf dem Weg zu meiner Linie nickt mir ein unbekanntes, westliches Gesicht zu, dessen Gruss ich die eine Augenbraue hochziehend erwidere. Ich kaufe mir noch eine belgische Waffel an einer Imbissbude unter der bedeckten Ladengalerie und verlasse das Stadtzentrum wieder.

Ich kann es schon jetzt kaum erwarten, nach dem entspannenden Besuch eines öffentlichen Bades ein kühles Bier in meinen lechzenden Schlund hinunterzustürzen.

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