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“Düsselstadt” und seine eigenwillige Agglomeration
Kategorien: Deutschland, Reiseberichte & Insider
Das an der Düssel gelegene “Dorf” ist längst keines mehr, ja von der Einwohnerzahl her sogar die achtgrösste Stadt Deutschlands – und neben dem neuntplatzierten Essen die einzige ohne Fussballverein in der 1. Bundesliga. Doch ist es nicht das (nicht mehr mögliche) Regionalliga-Derby zwischen dem abgestiegenen Rot-Weiss Essen und der in die 2. Bundesliga aufgestiegenen Fortuna, das mich dorthin zieht. Es ist auch nicht der Karneval, obwohl ich daran auch schon teilgenommen habe. Und es sind nicht, wie man auch vermuten könnte, die vielen Japaner, die dort leben.
Mehr noch als an der Düssel liegt Düsseldorf am Rhein. Foto: Keystone.
Wäre mein Freund A.P. nicht nach Düsseldorf gezogen, wer weiss, ob ich jemals den Weg dorthin gefunden hätte? Aber da er nun mal dort wohnt, bin ich ein regelmässiger Gast. Der letzte Anlass war sein 40. Geburtstag. Die Rhein-Ruhr-Region hat – nicht nur der Ruhr2010 wegen – soviel zu bieten, dass ich hier nur einen groben Abriss meines letzten Aufenthalts wiedergeben kann.
Nach meiner Ankunft fuhren wir vom Flughafen aus direkt nach Mülheim an der Ruhr, wo A.P. aufgewachsen ist. Auf dem 30-minütigen Fussmarsch vom Hauptbahnhof zu seinen Eltern in den Stadtteil Heißen kamen wir an so unwichtigen Orten wie Klötschen und der Heißener Str. vorbei, wo tatsächlich Klassenkameraden von A.P. noch immer an derselben Adresse wie vor 30 Jahren wohnen. Denn in Mülheim haben die Leute noch Wurzeln – falls sie ihr Leben nicht ganz unter der Erde (unter Tags) verbringen. Bei A.P.s Eltern holten wir hausgemachte Leckereien für die Geburtstagsparty ab, die ein weiterer Freund in die Stadt chauffierte, während wir uns über den ausgefallenen gregorianischen Gesang in seinem Auto echauffierten.
Am Tag danach gingen wir per Strassenbahn auf Erkundungstour nach Duisburg. “Muezzin, Sockenkauf, Stiernacken” gab A.P mir als Stichworte, um meiner Erinnerung wieder auf die Sprünge bzw. meinen Fingern wieder auf die Tasten zu helfen. Das heisst, wir sahen uns die viertgrösste Moschee Deutschlands an, mussten dafür Socken kaufen, weil wir bloss in Flip Flops unterwegs waren und begegneten auf dem Weg dorthin und weiter an die nächste Destination dreimal demselben Stiernacken, der in seinem frisierten Boliden um die Blöcke bolzte.
Darauf widmeten wir uns dem eindrücklichen Landschaftspark – gemäss Eigenmarketing der Mega-Multi-Maxi-Park! -, der auch ein Etappenort der Route Industriekultur darstellt. Um nicht zu lange auf die nächste Strassenbahn warten zu müssen, die wir gerade verpasst hatten, gingen wir zu Fuss weiter bis zur nächsten Station und bis zur nächsten und bis zur … plötzlich war keine nächste mehr in Sicht. Also begannen wir zu joggen (mit Flip Flops eher ein Watscheln), und – ich schwöre – wir hätten die Bahn sogar noch erwischt, wäre der Fahrer nicht vor der fahrplanmässigen Zeit abgefahren. Strassenbahnrowdy! Natürlich war das genau die letzte Verbindung vor dem Wechsel vom viertel- in den halbstündlichen Rhythmus…
Als Folge davon hatten wir nun genügend Zeit, um die alte Thyssen-Hauptverwaltung genauer zu begutachten. Und dort geschah es! Was ich bisher noch nie in der offenen Natur erlebt hatte, geschah vor meinen Augen auf einem gemähten Rasen bei der alten Thyssen-Hauptverwaltung: ein Bussard braust im Steilflug nach unten und schnappt sich mit seinen Greifen einen Hasen. Während er mit ihm spielt, gesellen sich einige Raben um ihn und seine Beute. Der Bussard scheint, sich gestört zu fühlen und lässt den sichtlich verwirrten Hasen davonhoppeln.
Schliesslich kommt unsere Strassenbahn doch noch, und wir fahren an der KöPi-Brauerei vorbei Richtung Mülheim. Bei der ältesten karolingischen Festung nördlich der Alpen steigen wir aus und machen uns via Innenstadt zum Nachtessen am Wasserbahnhof. Apropos “Wasserbahnhof” sei an dieser Stelle vermerkt, dass der grösste Binnenhafen der Welt in Duisburg liegt.
Eines von A.P.s Geburtstagsgeschenken war das unbeliebte Fortuna-Auswärtstrikot, das die verhassten Wuppertaler Farben Blau-Rot aufweist. Kombiniert mit einer Führung durch die neue Heimarena, ein “seelenloses Stadionungetüm” (Originalton A.P.), das ursprünglich LTU-Arena hiess und eigentlich für die WM 2006 sowie die Olympischen Spiele 2012 gebaut worden war. Aber irgendwie ging alles ein bisschen schief. Auch bei uns. Mein Abflugtermin rückte immer näher, und die Führung wollte kein Ende nehmen. Schliesslich musste ich mich ausklinken und mit dem Taxi an den Flughafen. Immerhin hatte ich genügend Fortune, meinen Rückflug nicht zu verpassen. Und auch der Fortuna ist nach sechs Startniederlagen in Folge das Glück endlich wieder hold.
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