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Eine Grenzerfahrung
Kategorien: Reiseberichte & Insider, Russland
Beim Grenzübergang von der Mongolei nach Russland stieg die Spannung schlagartig an – nicht nur, weil die Diesellok durch eine Lokomotive mit Stromabnehmer ersetzt wurde. Bald einmal stellte sich nämlich heraus, dass dieser mongolische Zug, den ich in Folge Eins bestiegen hatte, in eine kolossale Schmuggelaktion involviert war. Nicht bloss die Textil”händler”, auch die Zugbegleiterinnen (durchs Band Frauen) sowie die mitreisenden mongolischen Polizisten (durchs Band Männer) waren daran beteiligt. Hosen, Vorhänge, Jacken, Wolldecken – alle möglichen Stoffwaren wurden nun vor der Grenzkontrolle versteckt: im Wagendach, im Boden, in den Kissen, im Gepäck. Die Händler zogen sich mehrschichtig an; ein dünner Sprenzel wurde so zu einem Sumoringer. Und der japanischen Ringkampf wird ja in den letzten Jahren von Mongolen beherrscht.
Als ich mir ennet der Grenze etwas die Beine vertrat, indem ich die Zugkomposition einmal hinauf- und herunterlief, traf ich auch auf zwei russische Polizistinnen, die eine veritable Modeschau veranstalteten. Kein Wunder, wurde bei der Zollkontrolle kaum Ware entdeckt, obwohl sie gestandene fünf Stunden dauerte. Die Däninnen in meinem Abteil verabschiedeten sich in der Zwischenzeit in ein anderes zu zwei Landsfrauen, was den Vorteil hatte, dass die Kasachin und ich die unteren Liegen in Beschlag nehmen konnten. Swetlana hiess meine Zimmergenossin, und sie kümmerte sich mütterlich um mich.
Mit meinem Russisch steht es nicht zum Besten. Vor einigen Jahren hatte ich mal aus einer Laune heraus fünf Wörter mit der Endung -jets gelernt:
agurjets = die Gurke
maladjets = der Prachtskerl
kitajets = der Chinese
koladjets = der Brunnen
atjets = der Vater
Als erstes konnte ich die Gurke anwenden. Denn im Tupperwaregeschirr von Swetlana befanden sich neben Hühnchen, Tomaten, Eiern und Brot auch Gurken. Als ich begann, mit ihr gebrochenes Russisch zu sprechen, quittierte sie dies mit einem “maladjets”. Die fünf Wörtchen erwiesen sich also in jeder Hinsicht als nützlich.
Wenn der Zug manchmal an einer Station 20 Minuten lang hielt, gingen wir zusammen raus, bewunderten den Markt, den die Mongolen veranstalteten und kauften an einem Stand etwas Lokales zu essen für die Weiterfahrt. Ich hatte von meinem Reisebüro extra eine Checkliste erhalten, welchen Reiseproviant man mitnehmen solle: Löslichen Kaffee, Milchpulver, Kakao, Instant-Suppe, Instant-Nudeln, Teebeutel, Kekse, Trockenfrüchte. Die ersten fünf auf dieser Liste nahm ich ungeöffnet wieder mit nach Hause. Ein Taschenmesser, das auch vorgeschlagen wird, wäre praktisch gewesen, doch führe ich seit Jahren keines mehr mit, da ich meistens nur mit Handgepäck reise. Die Kaffeetasse schliesslich hatte ich schlicht vergessen, so füllte ich für Tee – zum Gaudi meiner Zimmergenossin – regelmässig eine Petflasche mit dem heissen Wasser vom Samowar auf und musste jedes Mal höllisch aufpassen, mir nicht die Fingerkuppen zu verbrennen.
Nützlich erwies sich auch die Plastikverpackung des Leintuches, die wir als Abfallsack benützten.
Zudem hatte mir eine Arbeitskollegin Trockenshampoo mitgegeben, von dessen Existenz ich vorher keine Ahnung hatte. Währenddessen füllten sich unsere Kabinennachbarn von Vodka Tours gegenseitig ab. Mehr Neuigkeiten von den Vodka-Jungs gibt’s im 3. Akt.
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