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Der Polizeieinsatz
Kategorien: Reiseberichte & Insider, Russland
Den ersten Sonnenuntergang aus dem Zugfenster heraus zu beobachten, war herzerwärmend, die erste Nacht im Zug jedoch kalt. Offenbar gibt es drei Zugkompositionen, nämlich eine russische, eine chinesische und eine mongolische. Und die mongolische Version scheint das veraltetste Rollmaterial zu haben. Jedenfalls waren die Fensterfugen nicht isoliert, weshalb der mit fortschreitender Nacht immer kühler werdende Durchzug mich aufweckte.
Ich löste das Problem, indem ich mich um 180 Grad drehte und nun statt des Kopfs die Füsse zum Fenster hin hielt. Dies half jedoch nur kurz, sodass ich schliesslich aufstehen, mein Bett hochheben und darunter aus einer Truhe eine Wolldecke hervorholen musste. Nun wurde mir auch klar, was meine Zimmergenossin, die ich im vorherigen Akt vorgestellt habe, mir vor dem Einschlafen noch erklären wollte. Ich hatte ihr aber geantwortet, es sei warm genug im Abteil.
In der Nacht wurden wir nicht nur durch die Kälte geweckt. Es waren die Vodka-Jungs (und ein Mädchen), die abwechselnd im benachbarten Abteil und im Speisewagen ihre Party feierten. Am nächsten morgen war der Franzose unter ihnen derart betrunken, dass er nicht mehr wusste, wo genau sich sein Abteil befand. Also begann er, aufs Geratewohl Abteile zu öffnen und das Unheil begann, seinen Lauf zu nehmen.
Es blieb nicht beim Türöffnen. In seinem Delirium versuchte der arme Tropf, Kleider und Taschen zu klauen und legte sich zu fremden Mädchen auf die Pritsche. Irgendwann wurde er durch den Zug zurück zu seinem Abteil gejagt, bzw. von seinen weniger betrunkenen Mitsäufern gezogen. Der Franzose ging darauf schlafen.
Plötzlich klopfte es wie verrückt an eines der Ausländerabteile. Es war die mongolische Polizei! Das erinnerte mich an Stefan Zweigs “Der versiegelte Zug”, in dem der Bahnwagen mit Lenin zu exterritorialem Gebiet erklärt worden war. So fuhr zwar unser Zug auf russischem Boden, doch im Innern befanden wir uns – mindestens aus Sicht der Polizei – noch in der Mongolei.
Drei Brocken öffneten die verriegelte Tür wie aus dem Nichts. Meine Kasachin hatte mich vor dem Einschlafen noch extra gewarnt, dass das Verriegeln nichts bringe. Man müsse unbedingt einen kleinen Riegel oben links an der Türe herunterklappen, der das Öffnen von aussen verunmögliche.
Die mongolischen Polizisten griffen sich in der Zwischenzeit den erstbesten schlafenden Ausländer und schleiften ihn hinter sich her. Doch es war der Falsche! Der arme Australier musste wohl den Schock seines Lebens durchmachen, während eine Neuseeländerin, die in Irkutsk ihre Mutter besuchte, das Missverständnis zu schlichten versuchte. Schliesslich fand die Polizei den richtigen, nahm ihm den Pass ab und ihn mit ins Polizeiabteil. Der Zug fuhr unbeirrt weiter in den vierten Akt.
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