Etwa zwei Wochen vor dem Fest liefen die Vorbereitungen bereits auf Hochtouren. Rote Blumen säumen seitdem die Alleen und Häusereingänge, Lampions hängen an den Fassaden oder in Bäumen, und überall sieht man Flaggen. Heute nun beginnt es: das chinesische Neujahrsfest!
Es wird auch als “Frühlingsfest” oder “Mondneujahr” bezeichnet und leitet nach dem chinesischen Kalender das nächste Jahr ein: diesmal steht es im Zeichen des Wasserdrachens.
Alle sind auf den Beinen. Millionen von Menschen reisen per Zug, Bus, Flugzeug oder Auto quer durch das Land der Mitte. Für viele Chinesen, die in den Städten arbeiten, ist es die einzige Möglichkeit, ihre Familien auf dem Land zu besuchen.(Fotos zur Vergrösserung bitte anklicken.)
Wer für seine Reise zur Familie kein Flugticket mehr bekommen oder wessen Budget dafür nicht gereicht hat, der steigt auf Züge oder Busse um. Eine nervenaufreibende Sache. Denn da es in China nicht möglich ist, Billets mehr als zehn Tage vor der Abreise zu kaufen, bilden sich vor dem Fest riesige Schlangen an den Ticketschaltern. Manch einer wartet Tag und Nacht, ausgerüstet mit Decken und Proviant. Wer die Schlange verlässt, darf sich wieder hinten anstellen. Wer zu spät kommt, hat ebenfalls Pech. So auch zwei meiner Kollegen: Sie mussten sich während ihrer 30-stündigen Zugfahrt mit Stehplätzen begnügen, da alle Sitzplätze schon ausgebucht waren. Nochmal zum Mitschreiben: 30 Stunden stehen!
Die Legende
Das chinesische Neujahrsfest hat seinen Ursprung in einer alten Legende. Dieser zufolge kam jedes Jahr ein menschenfressendes Monster zu den Menschen, um nach dem Tiefschlaf seinen Hunger zu stillen. Es war riesengross und blitzschnell. Eigentlich hatten es die Himmelsgötter weggesperrt, doch immer am Abend vor Neujahr wurde es freigelassen. Jahr für Jahr lieferten sich die Menschen einen erbitterten Kampf mit dem Ungeheuer, bis sie schliesslich feststellten, dass es die Farbe Rot, Feuer und Lärm fürchtet. Seitdem machen die Chinesen am Neujahrsfest besonders viel Lärm, zünden Kerzen und Feuerwerke an und färben alles rot.
Neujahrsbräuche
Zu den wichtigsten Bräuchen während des Fests gehört der Hausputz davor. In den folgenden Tagen gibt es strenge Regeln, wie jeder einzelne Tag auszusehen hat. So stehen zahlreiche Besuche an; man fängt mit dem engsten Familienkreis an, nach und nach geht es zu den entfernteren Verwandten.
Die Chinesen haben eine lange Liste voller Dinge, die am Neujahrstag Glück oder Unglück bringen. Zum Beispiel soll man Fenster und Türen öffnen, um das Glück ins Haus zu lassen. Dies kann vor allem im Norden, wo die Temperaturen ab und an unter null Grad sinken, unangenehm werden. Damit das Glück seinen Weg ins Haus auch findet, wird oft das Licht in der Nacht angelassen. Das schreckt zugleich böse Geister ab. Ausserdem sollte man an Neujahr keine Schuhe kaufen und sich nicht die Haare schneiden, denn das bringt Unglück.
In den grossen Städten herrscht zu Beginn des neuen Jahres Volksfeststimmung. Mit bombastischem Feuerwerk, volkstümlichen Tanz- und Kampfkunstvorführungen sowie Paraden wird das neue Jahr eingeläutet. Am Neujahrstag selbst opfern viele Menschen ihren Vorfahren und Göttern Räucherstäbchen. Im familiären Kreis sind alte Rituale ein fester Bestandteil der Festlichkeiten. Traditionell wird am Neujahrsmorgen die Tür geöffnet, um das neue Jahr zu begrüssen. Die Familienmitglieder ziehen neue Kleidung an und erneuern die Neujahrsbilder an den Wänden. Auf Spruchrollen werden die Glückwünsche fürs neue Jahr zu Papier gebracht.
Traditionsgemäss bekommen am Neujahrsfest vor allem die Kinder einen Hóng bāo. Dies ist ein roter, mit Geld gefüllter Briefumschlag.
Festspeisen
Essen und Lebensmittel stehen während des Fests im Mittelpunkt. In Nordchina essen die Leute zum Jahreswechsel Jiaozi, kleine Teigtaschen mit Fleisch- oder Gemüsefüllung. Sie werden am Abend vorbereitet und um Punkt Mitternacht während des Feuerwerks gekocht. In ländlichen Familien opfert man die erste Jiaozi-Schüssel den Vorfahren und Göttern, die zweite ist fürs Vieh bestimmt – als Dank für die Hilfe bei der Ernte. Erst die dritte Schüssel wird von der Familie verspeist.
In Südchina werden vor allem Wan Tan gegessen: Das sind ebenfalls gefüllte Teigtäschchen, doch isst man diese meist in der Suppe. Auch beliebt sind Fischgerichte, die Überfluss symbolisieren, und Nudeln, welche für ein langes Leben stehen.
Also dann: xin nian kuai le – ein glückliches neues Jahr!
Die Autorin: Tamara Benz, Jahrgang 1983, ist in Davos geboren und aufgewachsen, ehe sie für sieben Jahre nach Brugg zog. Dann ging ihre Reise weiter: Seit kurzem lebt sie nun in China. Ihr Freund hat hier einen Job als Expat in der Stadt Xiamen bekommen. Und sie will die Möglichkeit nutzen, Land, Leute und die Sprache kennenzulernen. Hier im Blog berichtet Tamara regelmässig über ihr Leben in Asien.










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Danke für den weiteren interessanten Bericht.Ich freue mich schon auf den nächsten.
Liebe Grüsse
Ursi