Verfasser dieses Beitrags ist Peter Tilly. Der Co-Pilot bloggt regelmässig unter „Gedanken eines Fliegenden“ über seinen Alltag. Heute schreibt er auch einmal für uns – über eine Landung bei Nebel.

Nebel

„Gear down!“ Ein Hebel wird nach unten gelegt, und das Flugzeug beginnt zu vibrieren. Einige Passagierfinger graben sich vor Angst in die Sitzlehne. Ist der Lärm normal? Ja, er ist.
Türen so gross wie Scheunentore werden bei 350 Stundenkilometern ausgefahren und stemmen sich gegen den Wind. Die Räder zittern und zeigen sich ein erstes Mal.

Noch 500 Meter bis zur Piste. Immer noch Nebel.

Vorne im Cockpit herrscht absolute Stille. Der Autopilot folgt den elektronischen Signalen, und zwei Augenpaare überwachen seine Arbeit. In einem Gleitwinkel von drei Grad werden die 180 Tonnen Aluminium, Treibstoff und Mensch auf die Piste geführt. Das Signal ist sehr genau, aber leider auch sensibel wie ein Teenager während der Pubertät.
Wehe es wird gestört, wehe jemand kommt ihm zu nahe.

Noch 400 Meter bis zur Piste. Immer noch Nebel.

Der Flugverkehrsleiter sorgt dafür, dass dem Leitstrahl Sorge getragen wird. Flugzeuge werden von den sensiblen Bereichen ferngehalten, und die Landeabstände sind grösser als bei schönem Wetter. Darum die Verspätungen, darum die vollen Warteräume.
Die Triebwerke laufen im Leerlauf. Sie ruhen, sind aber jederzeit bereit, Höchstleistung zu bringen. Höchstleistung braucht es, wenn die Schubhebel im Cockpit nach vorne geschoben werden. Dann, wenn etwas den Landeablauf störte, einer der zahlreichen Parameter aus dem Ruder lief.

Noch 300 Meter bis zur Piste. Immer noch Nebel.

„D dong, d dong, d dong“ klingt es aus dem Kopfhörer. Ein ungeduldiger Passagier hat sein Handy eingeschaltet. Die Roaming-Signale sind deutlich hörbar. „Idiot“, denke ich und fixiere die Instrumente. Ein SMS kann eine automatische Landung zu Nichte machen. Die Triebwerke hätten dann später Feierabend und im Tank lägen drei Tonnen Kerosin weniger. Soviel kann ein Durchstart kosten. Ein teures SMS.

Noch 200 Meter bis zur Piste. Immer noch Nebel.

Wir haben die Landefreigabe. Weniger als 200 Meter betrage die Sichtweite, berichtet uns der Boden. Für eine automatische Landung reicht das, für eine manuelle nicht. Hinten sitzen die Flight-Attendants festgezurrt auf ihren Sitzen. Einem Passagier ist es noch nach Smalltalk zu Mute, der Hostess nicht. Sie konzentriert sich, sie geht die Notfallmanipulationen noch einmal im Kopf durch. Der Passagier wird später seinem Kollegen von der zickigen Tante erzählen. Dabei war sie gar nicht zickig, sondern konzentriert.

Noch 100 Meter bis zur Piste. Immer noch Nebel.

Die Triebwerkeinlässe werden geheizt, die Flügelkanten auch. Eis kann sich bei diesen feuchtkalten Wetterverhältnissen bilden und die Flugeigenschaften negativ beeinflussen. Das könnte fatale Folgen haben. Ich schaue konzentriert auf die Instrumente, mein Kapitän nach vorne. Die Rollen sind bei einer automatischen Landung genaustens verteilt. Wir nähern uns mit 300 Stundenkilometern dem Boden und erwarten eine Sichtweite von 200 Metern. Wenig Zeit, die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Noch 20 Meter bis zur Piste. Lichter in Sicht.

„Landing!“ Er hat also etwas gesehen, mein Kapitän. Mein Blick ist auf die Instrumente gerichtet. Alle Parameter zeigen richtig, ich bin zufrieden.
Bums – Hauptfahrwerk ist untern. Rumps – das Bugrad auch. Die Motoren heulen auf, Schubumkehr wurde gesetzt. Die Karbonbremsen greifen und entschleunigen das Flugzeug. Erst jetzt wird der Autopilot ausgeschaltet.

Am Boden

Wir suchen im Nebel den Boden nach Signalen und Linien ab. Im Slalomkurs tasten wir uns durch das Labyrinth des fremden Flughafens und finden nach über elf Stunden Flugzeit unseren Parkplatz. Feierabend. Wir sind müde, die Bremsen sind heiss. Ich stehe an der Tür und versuche, unsere Gäste zu verabschieden. Vergeblich. Ihre Blicke sind auf ihre Mobiltelefone gerichtet, ihre Daumen tanzen auf der Tastatur. Einer hat dann doch noch einen Blick für mich übrig. Ich wünsche ihm einen schönen Tag, er beklagt sich wegen der harten Landung. Pilotenalltag.

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