Für Besitzer eines Old School-Walkmans war die Auswahl von Tapes oder CDs wegen Platzmangel eine Frage für Propheten. In den Zeiten des i-Pod ist die Frage ganz New School geblieben: Welches ist der richtige Sound für den richtigen Moment.

Auf dem letzten Flug war die Sicht optimal, 10’000 Meter weit unten erhoben sich die Pyrenäen und das Baby schnarchte auf meinen Knien babyhaft sanft, während meine liebste Geliebte der nicht ganz ungeteilten Meinung war, in den Ferien dürfe man sogar Paulo Coelho lesen (Nein, man darfs nicht, nie). Mit der freien Hand drehe ich also am Rad meines I-Pod und frage mich, welcher Sound zur Aussicht und zur Stimmung im verpennten Flugzeug passen könnte. Dazu kommt der Zeitfaktor: Wer weiss, wie lange der Kleine schläft, wer weiss, ob jetzt nicht doch endlich der Film anfängt.

A propos Film: Wie einfach es ist, die Atmosphäre zu versauen, zeigen unendlich viele Blockbuster oder FilmFilme: Wer will denn noch wissen, ob Kate Hudson diesen Typen jetzt endlich küsst, wenn man sich die Ohren zu halten muss, weil das Orchester seit einer Viertelstunde schmalzig, dafür ohne jede Linie und Aussage vor sich hinsäuselt. Da kann der Kite-Runner getrost hinrennen, wohin auch immer er will. Grosse Höhe also, die Übersicht über das Herz von Europa. Klare Sicht auf eine beeindruckende Gebirgskette und Städte daneben, in denen Menschen gerade jetzt Dinge tun, die nicht viel anders sind, als das was man selbst tut, wenn man nicht zehn- oder elftausend Meter über dem Boden schwebt.

Für undefinierte Momente, Momente in grosser Höhe, oder dafür, wenn man gerade mit Liebeskummer durch die heisse Wüste trampt, hat Ry Cooder (Paris, Texas) den definitiven Soundtrack geschaffen. Seine sparsamen, einsamen Gitarrenlinien fangen den Zustand zwischen zwei Extremen am Besten ein. Um nicht ganz so tief in der Vergangenheit zu schwelgen, ist die Rachsüchtigkeit von „Buenos Tardes Amigo“ noch ein Mittel um ganz gut abzuheben. Für Jazzliebhaber versucht Keith Jarrett mit „October, 17“ die Antwort zu finden. Da nimmt der Pianist die Welt auseinander, um sie dann nach ungefähr einer halben Stunde wieder zusammenzusetzen.

Aber hey, es gibt auch die kleinen Reisen. Für das Warten auf dem Flughafen, sei es aufs Check-In oder auf das Gepäck fällt einen natürlich sofort der Svenska-Top-Hit „Here we go again“ (von Stakka Bo) ein, es ist ein Song, der selbst dem verpenntesten Pendler oder verzweifeltsten Vielflieger den Durchhaltewillen zurückgibt.

Ein Album für jeden Trip ist „Achtung Baby“ von U2. Bonos gebrochene Stimme und die einmalige Ambiance schaffen Raum, um über das vage Spiegelbild im Zugfenster nachzudenken, bevor der Zug dann los fährt. Ebenfalls in diese Kategorie gehören die Acid Jazzer von Everything but the Girl mit Songs wie „Corvocado“ oder „My head is the only house when it rains“. Tracys Stimme lässt einen die Unendlichkeit ahnen und weckt die Sehnsucht nach dem Ziel, an dem man aber, wie jeder Reisende ahnt, nie wirklich ankommt. Es ist das Gesetz des Reisens: Jede Ankunft ist auch ein Aufbruch.

Flugangstsound:
Beethoven, Klavierkonzert No. 5 Emperor Suite, Adagio. Vielleicht die schönste Musik der Welt. Hier löst das Klavier das Orchester ab und die Melodie entfaltet sich in einer einmaligen Reinheit und Schönheit. Neun Minuten für die Ewigkeit. Wenn man das gehört hat, weiss man, es kann nichts schiefgehen.

Vorfreudesound:
The Duke Spirit, Neptune, trashiger Garagenrock, der einen den Pepp gibt, um das Haus zu verlassen.

Ungeduldssound:
Für Abwechslung sorgt Genieproduzent und Rapper Timbaland mit Shock Value, sein Album mit allen möglichen Stars bringt I-Tunes in Bewegung oder auch die französische Formation M mit dem Album „Je dis Aime“. Vertreibt auf kurzweilige Weise die Wartezeit, egal ob Zug, Flugzeug oder Stau.

Sound für die ganze Familie:
Der Song Chan, Chan, Buena Vista Social Club, dieser Rhythmus schafft es die Leute wieder in den Groove zu bringen. Alles von Coldplay, da rebelliert der junge Hip Hopper nicht und auch Mami muss sich die Ohren nicht zuhalten.

Ablenkungssound:
Zum Beispiel das neue Album von Patrice souliger Hip Hop mit einem Hauch Reggae ist enorm unterhaltend und braucht nicht viel Konzentration. Ebenfalls soulig, jazzig alles von Lizz Wright oder Erykah Badu.

Heimwehsound:
Hier kommt natürlich nur „Everything’s not lost“ von Coldplay in Frage oder „Sloe Gin“ von Bluesrocker Joe Bonamassa.

Fernwehsound:
Keine Kohle oder die Ferien schon vorbei? Hier hilft die Live-Platte „A brisa do coracao“ von Dulce Pontes weiter. Die Portugiesin beschwört mit ihrer Stimme, die Unendlichkeit des Meeres, während ihre Band trotzdem gehörig fetzt.

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