Reisen und Schreiben. Für viele dürfte diese Kombination nach dem idealen Lebensentwurf klingen. Doch ist das Ganze wirklich so einfach? In einer vierteiligen Serie erklärt ebookers.ch-Autorin Brigitte Jäger-Dabek, welche Voraussetzung Reisejournalisten mitbringen sollten und wie man zu diesem Traumjob kommt.

Traumberuf Reisejournalist: Unterwegs sein und dann in die Heimat berichten. Foto: Keystone; Gaetan Bally.

Der deutschsprachige Reiseführermarkt ist lukrativ, sind doch die Deutschen Urlaubsweltmeister. Von der grossen Auswahl an Reiseführern profitieren auch die deutschsprachigen Österreicher und Schweizer. Umgekehrt sehen Autoren aus diesen Ländern bei der grösseren Verlagszahl ihre Chancen erhöht.

Jeder Verlag steht für ein ganz bestimmtes Profil, hat spezielle Zielgruppen und deshalb nicht jede denkbare Destination im Angebot. Da gibt es beispielsweise Lonely Planet für die Backpacker mit dem Anders-Reisen-Habitus, die Michael-Müller- oder Iwanowski-Guides für Individualreisende, die kurzen, manchmal sehr knappen Marco-Polo-Führer für den Kurztripper und die DuMont-Bücher für Reisende, die Kunst- und Kulturhistorisches und das Leben im Gastland interessiert. So gibt es für jede Klientel den passenden Reiseführer.

Es ist daher nicht ratsam, zuerst einen Reiseführer zu schreiben und ihn dann einem Verlag anzubieten. Alle Reiseführerverlage haben ein mehr oder minder enges Korsett, ein vorgegebenes Layout und einen Inhaltsstandard, was die Umfänge betrifft. Genau dort muss auch der Titel hineinpassen. Also besser: die Idee erst verkaufen, dann richtig loslegen.

Hat man das Ziel gefunden, über das man gern schreiben würde, sollte man zwei, drei Recherchetage in der örtlichen Bibliothek einlegen und Verlag für Verlag ganz genau kennenlernen:

  • * Gibt es schon einen Titel zum angepeilten Reiseziel? (Im Internet wegen der Aktualität auf der Verlagsseite überprüfen.)
  • * Wie sind die Führer aufgebaut? Feste Strukturen notieren und anschauen, wie viel Platz für welche Rubrik da ist. Deshalb unbedingt mehr als einen Führer durchblättern!
  • * Welche Zielgruppe wird angesprochen? Kann ich dem entsprechend schreiben?
  • * Wie lang sind die Textteile?
  • * Wie viel Fotos müsste ich liefern?
  • * Habe ich genug Informationen auch für den Serviceteil recherchiert, oder müsste ich später noch einmal reisen?

Hat man nun den passenden Verlag herausgefunden, versucht man auf der Internetseite den zuständigen Ansprechpartner herauszufinden und schreibt diesen direkt per Mail an. Ein kurzes Expose, das zeigt, dass man die Verlagsreihe kennt, heftet man an und begründet, warum sich der angebotene Titel im Sortiment gut machen würde. Sofern vorhanden, ist natürlich ein Aufhänger wie „Übernächstes Jahr ist X-Stadt europäische Kulturhauptstadt“ immer gut. Dann gehört natürlich noch ein eigenes Profil dazu, das begründet, warum man der richtige Mann, die richtige Frau für diesen Titel ist. Wenn man schon einen Namen als Reise-Autor hat, wird man es natürlich leichter haben. Und wenn auf ein Mail keine Reaktion kommt, ist hartnäckiges „nachtelefonieren“ gefragt.

Eines ist wichtig zu wissen: In der Regel bezahlt Euch niemand die Reise in das Land, über das ihr schreiben wollt, auch kein Reiseführerverlag. Ihr könnt bei einem Reiseführer mit maximal sechs Prozent Erlös vom Nettoverkaufspreis des Buches rechnen. Bezahlt wird meist zweimal jährlich Ende September für das erste Halbjahr und Ende März für das zweite Halbjahr. Bei deutschen Verlagen kann man meist mit einer Erstauflage von etwa 3’000 Exemplaren rechnen, und die werden natürlich nicht alle sofort verkauft.

Ist das Buch erschienen, ist die Arbeit aber noch nicht getan, denn nun sind die regelmässigen Aktualisierungen zumindest des Serviceteils fällig. Dazu heisst es: wieder das Land bereisen, wieder die Qualität der Restaurants checken, sich zig Hotelzimmer ansehen, Adressen sowie Telefonnummern überprüfen. Dazu sind die meist vorhandenen Politik- und Geschichtskapitel umzuschreiben, um auf dem neuesten Stand zu sein. Das lässt oft keine Zeit mehr für den Strand und ist ziemlich ermüdend. Da merkt man dann nicht viel vom Traumjob… Diese Reisen und Aktualisierungen sind in regelmässigen Abständen fällig. Wann, das bestimmt der Verlag. Die Zusatzkosten werden in der Regel nicht übernommen.

Reich wird also beim Reiseführerschreiben niemand. Ausschliesslich davon leben können vielleicht zwei oder drei Dutzend Autoren im deutschsprachigen Raum, und die haben allesamt aktuell mehr als zehn verschiedene Reiseführer auf dem Markt, darunter fast immer auch populäre Destinationen wie Mallorca, die sich gut verkaufen.

Persönlich habe ich nur zwei Reiseführer geschrieben, einen über Polen, einen über meine Heimatregion, die Unterelbe. Als Länderspezialist für Polen habe ich die schon in Teil 3 erwähnte Landeskunde über Polen geschrieben und in der Iwanowski-Reisegast-Serie den Polen-Band verfasst. Das geht aber nur, wenn man Land UND Gesellschaft von innen kennt. Aus dem Spezialistentum heraus sind über die Jahre weitere Aufträge gekommen, wie das Aktualisieren von Reiseführern anderer Verlage und die Datenbank-Aktualisierung von Onlineauftritten einzelner Reiseverlage sowie die Texterstellung für Onlinemagazine. Mit dem EU-Beitritt von Ländern wie Polen gab es auch immer mehr Bedarf an interkultureller Kompetenz, und so habe ich etliche Vortragsverpflichtungen in diesem Bereich bekommen. Diese Auftraggeber haben mich gefunden und nicht ich sie – ein schöner Nebeneffekt des Spezialistentums.

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