Nach London geht man nicht zum Schlafen. Nein: London ist eine lebhafte Stadt, und es kommt einem eigentlich nur ungelegen, dass man dort ab und zu sein Haupt auf ein Kissen legen muss. Zumal die meisten Londoner Hotels mindestens so schlecht sind wie ihr Ruf – und dazu noch teuer. Immerhin: Dank diesen Hotels kann man Daheimgebliebene immer mal wieder mit einer Anekdote verwöhnen, die ihnen einen angenehmen Gruselschauer über den Rücken jagt.

Generator Hotel

Meine Lieblingsgeschichte betrifft den Generator, eine Art Jugendherberge im Uni-Quartier. Da ich auf der Durchreise war und nur eine einzige Nacht in London verbringen wollte, hatte ich nicht auf Komfort, sondern auf das günstigste Angebot gesetzt. Ich hatte 97 Franken bezahlt und fand ein nüchtern aber nett restauriertes ehemaliges Kraftwerk und einen freundlichen Typen am Empfang vor. Meine Freude liess ein wenig nach, als er mir ein Zimmer im Untergeschoss zuwies. Doch auch dort unten sah es freundlich aus, wenn auch etwas finster. Die Zimmertüren waren mit Filmpostern dekoriert, auf der allerhintersten Tür hing eines aus „Shining“.

Natürlich, das hinterste Zimmer war mein Zimmer. Ich seufzte auf, denn „Shining“ ist der einzige Film, von dem ich je schlecht geträumt habe. Und ich war mutterseelenallein und plötzlich absolut sicher, dass Jack Nicholson mit seiner Axt die ganze Nacht durch meinen Schlaf jagen würde. Aber es kam dann doch anders: Um 23 Uhr startete nämlich die Party im „Generator“ – mit lautem Sound. An Schlaf war ohnehin nicht mehr zu denken, und seither weiss ich, was ich damals noch nicht wusste: „The Generator“ wird seinem Ruf als Partyhotel gerecht.

Es gibt allerdings auch ruhige und komfortable Hotels in London. Einmal habe ich in Bloomsbury in einem kleinen Haus an der Montague Street logiert, direkt neben dem Britischen Museum. Das war 1997. Mein damaliger Freund hatte gesagt, er sei jetzt 30 und damit zu alt, unter den Küchentischen irgendwelcher Londoner Kumpels zu übernachten. Er buche uns jetzt etwas Rechtes, sagte er. Und das Hotel dort war etwas Rechtes: Die Möbel waren neu, die Vorhänge aus dem Laura Ashley-Katalog, das Bettzeug passte zu ihnen. Kurz, es herrschte eine Atmosphäre gehobener Gemütlichkeit. Der Schlaf war ungestört, das Frühstück ausgezeichnet, der Preis erschwinglich. Leider habe ich vergessen, wie es hiess. Ich wusste ja noch nicht, was für ein Juwel wir da gefunden hatten. Und wenn ich heute Hotels in der Montague Street google, finde ich nichts unter 240 Pfund pro Nacht (gegen 500 Franken).

In den letzten Jahren habe ich deshalb jeweils wieder unter den Küchentischen von Freunden übernachtet. Oder dann in Etablissements in der Nähe von Paddington Station. Dort gibt es eine ganze Reihe von Hotels mit Preisen unter 100 Franken pro Nacht. Sie befinden sich in Häuserreihen aus dem späten Viktorianischen Zeitalter, in denen zum Teil noch Lücken aus dem letzten Krieg klaffen. In der Regel sind die Zimmer winzig, die Bäder riechen modrig und das Personal ist grantig. Die Möbel stammen vom Flohmarkt und sind mit obszönen Zeichnungen dekoriert. Vorteil: Von Paddington Station aus sind die Verbindungen nach Heathrow sehr gut, und in der Nähe gibt es eine Reihe von anständigen Restaurants. Und die Betten braucht man ja nur zum Schlafen.

Sollte ich aber unverhofft reich werden, so peile ich das Dorset Square Hotel an. In Londoner Reiseführern wird es immer wieder als schönstes Londoner Hotel bezeichnet. Ausserdem kostet eine Nacht dort nur an die 400 Franken, und es liegt kaum fünf Gehminuten von der noblen Einkaufsstrasse Bond Street entfernt. Dort werde ich dann meine Kleider kaufen, und ansonsten kaum noch mein Zimmer mit all seinen Annehmlichkeiten verlassen.

Tagged: Archive, Grossbritannien

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