Während meines fünfmonatigen Sprachaufenthalts 1992 in London war das Swiss Centre nicht selten Treffpunkt für fröhliche Fondue-Abende und für an Schokoladenmanko leidende Sprachstudenten. Berühmt war es aber vor allem für sein Glockenspiel, das dreimal täglich mit 27 Glocken Schweizer Volksweisen, englische Märsche, aber auch Melodien von Elvis und den Beatles zum Besten gab. Touristen starrten wie gebannt auf das Schauspiel und den Holzbaum mit den Wappen der 26 Kantone. Und auch Einheimische lauschten den teilweise pathetischen und andächtigen Klängen. Für die Zuhörenden wurde der laute, ruhelose Leicester Square plötzlich zum Ort der Stille und des Innehaltens.

Nicht weniger imposant war der Appenzeller Aufzug von 23 holzgeschnitzten Figuren. Nun aber ist Schluss mit Swissness am Leicester Square – London bekommt ein Hotel mehr. Das Luxushotel „W“ ist in das Gebäude gezogen und zielt auf ein junges Publikum mit prallem Portemonnaie. In der VIP-Bar baumelt und glitzert eine Discokugel in der Grösse eines Kleinwagens, 350 Sorten Tequila stehen dem Gutbetuchten zur Auswahl. Adieu, Grand Old Lady!

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