Nirgends lernt man mehr über das Wienerische und nirgends ist Wien wienerischer, als auf dem Zentralfriedhof. Dabei liegt er weder zentral noch überhaupt in der Innenstadt, sondern einigermassen peripher in Simmering nicht weit vom Flughafen Schwechat entfernt. Erreicht werden kann er mit den legendären Tramlinie 71. (Fotos zur Vergrösserung bitte anklicken!)

Nach dem Friedhof Ohlsdorf in Hamburg ist der Wiener Zentralfriedhof der zweitgrösste in Europa mit seinen fast zweieinhalb Millionen Quadratmetern Fläche. Damit ist er flächenmässig halb so gross wie Zürich – und so gross, dass es sich lohnt, mit der Buslinie 106 vom Haupteingang aus eine Rundfahrt zu machen, um einen Überblick zu bekommen. Die Planungen der Habsburger Zeit waren weitsichtig, denn man plante legte schon einen Totenstadt für vier Millionen Verstorbene an, bis heute herrscht dadurch keine Platznot.

Es gibt auch geführte Rundgänge über den 1874 eröffneten Friedhof, und die sind besonders interessant; erfährt man hier doch immer auch das, was so in keinem Reiseführer steht. Mit etwas Glück wird man sogar von einem wahrhaftigen, pensionierten Hofrat geführt underfährt allerhand.

Vom Wiener Pragmatismus zeugt beispielsweise eine Anekdrote aus dem Ersten Weltkrieg: Als damals die Transportmittel knapp wurden, schaffte man die Toten kurzerhand per Strassenbahn zum Friedhof. Sehr wienerisch ist auch die Bezeichnung für die Bestatterzunft; bis heute werden Wiens Bestatter „Pompfüneberer“ genannt.

Man erfährt, dass die Mischung aus Wiener Schmäh und Melancholie einen ganz eigenen Totenkult hervorgebracht hat , bei dem die Toten irgendwie zu den Lebenden zählen. Hier ist viel Diesseitiges im Jenseitigen, die bislang drei Millionen Menschen, die hier beerdigt sind, werden Bewohner genannt. Und der Totenmarsch hat irgendwie einen leichten walzerähnlichen Wiegeschritt an sich. Da mag man philosophieren, ob es an den vielen Musikgenies liegt, die hier in Prominentengräbern ihre letzte Ruhe fanden: Neben dem Grab Beethovens steht das Mozartdenkmal  (er selbst fand seine letzte Ruhe aber auf dem St. Marxer Friedhof), in der Nähe finden sich die Ehrenmale für Brahms, Robert Stolz, Millöckers und der Walzerdynastie der Strauss-Familie. Allen ist gemein, dass sie immer mal wieder Post bekommen, die auch zugestellt wird, Adresse: Zentralfriedhof Wien.

Insgesamt gibt es inzwischen an die tausend Ehrengräber auf dem Wiener Zentralfriedhof, die von der Stadt gepflegt werden und deutlich machen, dass Wien seine Toten als unvergänglichen Teil der Stadt ansieht. Darunter befinden sich Prominente wie Helmut Qualtinger und Falco, der eigentlich Hans Hölzl hiess.

Ein kurzer Rundgang führt vom Hauptportal aus an den zur linken Hand liegenden Musikergräbern vorbei zur Präsidentengruft und zu den Gräbern rechts und links der Kirche, die Österreichs Politelite gehören, wie dem einstigen Bundeskanzler Bruno Kreisky.
Die mit einer grossen Kuppel versehene Karl-Borromäus-Kirche ist eine Perle des Jugendstils, gilt als eine der bedeutendsten Jugendstilkirchen überhaupt und wurde von dem Otto-Wagner-Schüler Max Hegele von 1908 bis 1910 errichtet. Rechts und links des Hauptwegs an der Kirche befinden sich die Ehrengräber der berühnmtesten Komponisten und Schauspieler von Johann Strauss bis zu Curd Jürgens. Vor der Kirche liegt die Gruft der österreichischen Bundespräsidenten.

Weiter führt der kleine Rundgang zu den Gräbern im Ehrenhain der Gruppe 40, in dem man Gräber vieler österreichischer Künstler der Neuzeit findet. Von dort  geht es vorbei am Park der Ruhe und Kraft und an den Ehrengräbern an der Friedhofsmauer entlang zum Tor 3. Mit einem Besuch der 1906 ebenfalls im Jugendstil erbauten Halle 1 endet der kleine Rundgang.

Wer mehr Zeit hat, wird sich gern auch die anderen Abteilungen des Zentralfriedhofs anschauen, den syrisch-koptischen, den griechisch-othodoxen, den islamischen Teil. Besonders im jüdischen Teil wird man viele prominent Namen finden wie die Familiengräber der Schnitzlers, Hofmannsthals und Wassermanns. Ein besonders sehenswerte Abteilung ist die der prächtig ausgestalteten Sinti und Roma, die viel von einer weitgehend unbekannten Toten- und Beerdigungskultur zeigt.

Weitere Wien-Infos:
– Kultur: Über die Wiener Secession haben wir hier berichtet. Und einen Jugendstil-Spaziergang schlagen wir an dieser Stelle vor.
– Gastro-Tipps haben wir auch schon im Blog aufgearbeitet.
– Reise: Günstige Flugverbindungen mit ebookers.ch findet ihr auf dieser Seite, Hotels auf dieser und komplette Städtetrips hier.

Tagged: Archive, Österreich

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