Der Ruf der ungarischen Könige, die im 12. Jahrhundert neue Siedler anwarben, die Transsylvanien, das wilde Land jenseits der Wälder, kolonisieren sollten, reichte weit. Er wurde sogar am Rhein in der Koblenzer Gegend und der Region des heutigen Luxenburg vernommen. Viele Menschen machten sich auf den beschwerlichen Weg – und so begann die gut neunhundertjährige Geschichte der Siebenbürger Sachsen. Sachsen wurden sie nur wegen ihres Rechtes, des Sachsenspiegels, genannt. Heute leben noch schätzungsweise 90’000 deutschstämmige Siebenbürger im rumänischen Transsylvanien.

Zinsabgaben und Militärdienst hatten die Neusiedler zu leisten, dafür bekamen sie aber einen besonderen Status und für die damalige Zeit ungewöhnliche Privilegien wie freie Richterwahl, Gerichtsbarkeit, Zollfreiheit und mehr. Schon ab 1486 gab es mit der Sächsischen Nationsuniversität ein ganz eigenes Verwaltungsgremium, das die siebenbürgische Selbstverwaltung bedeutete. Erst nach Gründung der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie 1867 wurde diese Autonomie zurückgenommen.


Die Kirchenburg Cincsor. Foto: Brigitte Jäger-Dabek.

Das siebenbürgische Hochland am Karpatenbogen war ein fruchtbares Land, und mit dem wachsenden Wohlstand seiner Bevölkerung kam die kulturelle Blüte. Schon seit dem 15. Jahrhundert gab es hier Volksschulen, im 16. Jahrhundert hatte fast jede Gemeinde ihre eigene Schule, das erste Gymnasium entstand 1541 und 1722 wurde die allgemeine Schulpflicht eingeführt.

Nach dem verlorenen 1. Weltkrieg und dem Zusammenbruch des Habsburger Reichs kam Siebenbürgen zum Königreich Rumänien. Die vertraglich zugesagten Minderheitenrechte aber wurden nicht umgesetzt. Die Evangelisch-Augsburgische Kirche, der die Siebenbürger nach der Reformation im 16. Jahrhundert beigetreten waren, verlor ihren Grundbesitz. In den Schulen wurde der Unterricht in der deutschen Muttersprache stark eingeschränkt, eine Rumänisierung setzte ein. Ein Lichtblick war die politische Vertretung im Parlament. Nach dem Zweiten Weltkrieg traf die Siebenbürger dann die kollektive Verfolgung.

Diskriminierungen vielfältiger Art, Zwangsaussiedlungen und gewaltsame Familientrennungen waren an der Tagesordnung. Erst nach Stalins Tod besserte sich die Lage. Doch der Exodus war nun nicht mehr aufzuhalten, auch nicht nach der Wende 1989. Im Gegenteil: Als es möglich wurde, das Land legal zu verlassen, taten dies binnen eines halben Jahres über 110’000 Siebenbürger. Insgesamt hatte nach Kriegsende fast eine halbe Million Menschen ihre Heimat verlassen. Die Geschichte einer reichen Kultur und eines ganz besonderen Siedlungsraumes, der nach den ersten sieben, zunächst ohne Herrschererlaubnis gebauten Burgen Siebenbürgen genannt wurde, ist faktisch beendet.

Siebenbürgen als Reisedestination

Neben einer reizvollen Landschaft, die besonders unter Radtouristen längst zum Geheimtipp geworden ist, gibt es noch eine grosse Zahl ausgezeichnet erhaltener mittelalterlich geprägter Orte und kulturhistorisch bedeutsamer Bauten, die von dieser einmaligen, reichen Geschichte und Kultur zeugen. Das hätte man so ohne Weiteres nicht erwartet im Lande hinter den Wäldern mit den unberührten wildromantisch bewaldeten Berglandschaften, in denen noch Wölfe und Bären zuhause sind.

Eine Besonderheit sind die siebenbürgischen Kirchenburgen und Wehrkirchen sowie die zu kleinen Bollwerken ausgestalteten, rundum geschlossenen Höfe in den Siebenbürger Dörfern, die man überall antrifft.

Durch den internationalen Flughafen ist Sibiu (Herrmannstadt), das einstige Zentrum der Siebenbürger, leicht zu erreichen. Die meisten Rundreisen beginnen daher hier. In der Stadt, die 2007 Kulturhauptstadt Europas war, fallen gleich die farbenfroh angestrichenen Häuser auf, die der 170’000–Einwohner-Stadt ein fast mediterranes Flair geben. Die 1223 erstmals erwähnte Stadt besitzt einen wunderbaren mittelalterlichen Kern, aus dem die evangelische Kirche aus dem 14. Jahrhundert mit ihren berühmten Türmen, dem Ratsturm, dem Sagstiegenturm, dem Torturm und dem Zimmermannsturm herausragt. Weitere Sehenswürdigkeiten, die man nicht verpassen sollte, sind das Alte Rathaus, das Blaue Stadthaus, die Franziskanerkirche, die Kreuzkapelle, die Lügenbrücke und die Reste der alten Stadtmauer mit den vier erhaltenen Türmen. In Sibiu befindet sich auch das älteste Kunstmuseum Rumäniens: das Brukenthal-Museum, das im Brukenthal-Palais, dem schönsten Barockgebäude Siebenbürgens, eingerichtet wurde. Die Umgebung von Sibiu weist eine besonders grosse Zahl von Kirchenburgen auf.


Die sogenannte Lügenbrücke in Sibiu. Foto: Brigitte Jäger-Dabek.

Die mit rund 350’000 Einwohnern grösste Stadt Siebenbürgens ist Brasov (Kronstadt). Sie liegt am Rande der Postavaru-Berge und damit nur wenige Kilometer von den schönsten rumänischen Wintersportorten entfernt. Herausragend aus dem geschlossenen mittelalterlichen Stadtkern sind die Schwarze Kirche, die grösste gotische Kathedrale Osteuropas und gleichzeitig Wahrzeichen der Stadt, sowie der Marktplatz mit dem Alten Rathaus und seinem fast 60 Meter hohen Turm. Sehenswert sind auch die Bartholomä-Kirche der 1223 errichtete älteste Sakralbau der Stadt sowie die orthodoxe Kirche Sankt Nicolae.


In der grössten Stadt Siebenbürgens: Brasov. Foto: Brigitte Jäger-Dabek.

Sighisoara (Schässburg), dessen Wurzeln in römischer Zeit lagen, ist eine der grössten erhaltenen mittelalterlichen Städte und gehört mit ihrem historischen Kern zum UNESCO-Weltkulturerbe. So ist hier die ganze Altstadt sehenswert; nicht entgehen lassen sollte man sich den 64 Meter hohen Stundturm aus dem 14. Jahrhundert, von dem man einen herrlichen Ausblick hat, die Schülertreppe von 1642, die Bergkirche und den Bergfriedhof sowie das Haus Vlad Dracul, wo Vlad Tepes, das Vorbild der literarischen Figur Graf Dracula, geboren wurde.

Neben diesen Orten gibt es in Siebenbürgen noch eine ganze Reihe sehenswerter Städte und Landschaften, für die man sich vor allem Zeit lassen sollte. Aber wer einmal in Transsylvanien / Siebenbürgen war, kommt ohnehin wieder.

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