Fast fünf Jahrzehnte war das russische Kaliningrader Gebiet mitsamt der Bernsteinküste militärisches Sperrgebiet. Inzwischen hat man begonnen, das touristische Potenzial der Region zu nutzen. Da, wo es an der Infrastruktur noch mangelt, entschädigt eine grandiose Natur.

Jahrzehntelang hatte die sowjetische Nomenklatura die einst ostpreussische Bernsteinküste ganz für sich. Heute sind die Kurische Nehrung und die Samlandküste, die beide zur Bernsteinküte gehören, attraktive Urlaubsgebiete für Naturliebhaber. Bis auf den nördlichen, den litauischen Teil der Kurischen Nehrung gehört die Bernsteinküste zu Russland. An diesem legendären Ostsee-Küstenabschnitt findet selbst der Laie am Strand echten Bernstein, das Gold der Ostsee.

Die Kurische Nehrung
„Die Kurische Nehrung ist so merkwürdig, dass man sie eigentlich ebensogut als Spanien und Italien gesehen haben muss, wenn einem nicht ein wunderbares Bild in der Seele fehlen soll,“ schwärmte Wilhelm von Humboldt schon 1809. Der russische Teil der Kurischen Nehrung lockt zu einer Tagestour nach Rybatschij (deutsch: Rossitten). Diese Tour ist ein grossartiges Erlebnis; der russische Teil ist noch ursprünglicher, da weniger erschlossen, als der litauische Teil der Nehrung. Auf der alten Poststrasse fährt man durch die immer noch fast unberührte Dünenlandschaft bis nach Morskoje / Pillkoppen kurz vor der litauischen Grenze.
Einen Besuch der berühmten Rossittener Vogelwarte sollte man genauso wenig versäumen wie einen Spaziergang am mit 98 Kilometern längsten Sandstrand der Welt. Einen Einblick in die Geschichte dieser einmaligen Landschaft zeigt das direkt an der Strasse gelegene kleine Nehrungsmuseum.

Selenogradsk / Cranz
Cranz war schon immer neben Rauschen die „Badewanne“ der Königsberger, denn es liegt nur rund 30 Kilometer nordwestlich – dort, wo die Samlandküste in die Kurische Nehrung übergeht. Einst war der Ort das mondänste Seebad Ostpreussens. Hier verlustierte sich die Königsberger Schickeria, doch davon ist nichts geblieben. Im Ort sieht es ähnlich aus wie im ganzen Kaliningrader Gebiet: Ein Wasserturm steht, ebenso wie der Bahnhof und einige alte Häuser, etliche davon vom Zahn der Zeit angefressen. Die alte Pracht ist dahin, von den schönen weissen Strandvillen steht kaum noch eine, und die alte Seepromenade ist durch einen Betonweg ersetzt worden. Doch seit in den vergangenen Jahren der Aufschwung in Gestalt reicher Investoren ins Kaliningrader Gebiet kam, geht es auch hier vorwärts. Überall wird gebaut, die Promenade wird modernisiert, und neue Hotels schiessen wie Pilze aus dem Boden. Die Zeiten, in denen man sich mit dem Rücken zum Land stellen musste, um zu erkennen, was den Reiz dieses Ortes ausmachte, sind vorbei. Und: Das tolle Panorama ist geblieben, links die Steilküste des Samlandes, rechts die Nehrung. Wasser, Sonne und Sand unter dem hohen östlichen Himmel!

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Die Samlandküste
Das Samland ist eine abwechslungsreiche, hügelige Landschaft mit schroff abfallenden Steilufern, lieblichen weissen Stränden. Sie war die traditionelle Sommerfrische der Königsberger.
Neben Rauschen gab es noch viele andere kleinere Badeorte an der wildromantischen Küste, die sich von Cranz bis weit südlich von Palmnicken erstrecken. Aus dieser Region kommt der Bernstein unserer Schmuckgeschäfte, und mit ein wenig Glück kann man ihn bei einem Strandspaziergang finden. Unnötig zu erwähnen, was das schönste Souvenir ist: natürlich Bernstein.

Svetlogorsk / Rauschen
Zu Zeiten der Sowjetunion war Swetlogorsk die bevorzugte Sommerfrische der Nomenklatura. Die Stadt mit dem klangvollen deutschen Namen „Rauschen“ liegt 55 Kilometer nordwestlich von Kaliningrad im Samland, an der sagenumwobenen Bernsteinküste. Einst war Rauschen eher ein Volksbad, hier verbrachten nicht ganz so betuchte Königsberger die Sommerfrische.
Weil Swetlogorsk der bevorzugte Urlaubsort der sowjetischen Parteiprominenz war, wurde es stets gehegt und gepflegt. Altes wurde restauriert und nicht zerstört, und die meisten sozialistischen Bausünden in den reichlich vorhandenen Wäldern versteckt.
Landschaftlich ist Swetlogorsk sehr reizvoll zwischen geheimnisvollen Wäldern an der traumhaften, von malerischen Schluchten durchzogenen Steilküste des Samlands gelegen. Wie früher ist Swetlogorsk auch heute zweigeteilt. Die eigentlichen Bewohner leben in Swetlogorsk I, dem alten Rauschen-Ort, und das Strandleben findet in Swetlogorsk II, Rauschen-Düne statt.
Von Königsberg fährt der Badegast mit der Samlandbahn gleich durch bis zum Endpunkt Rauschen-Düne. Rauschen-Ort ist noch immer der schönste Platz im Kaliningrader Gebiet. Zentral im Ort liegt der alte Mühlenteich, der zum Rudern einlädt und von einer einladenden Promenade umgeben ist.
Auf der anderen Seite, Richtung See, stehen malerische, alte Holzvillen, vom Wald umgebene Kurhäuser und Sanatorien sowie Cafés und Restaurants, alles in überraschend gutem Zustand.

Auch das Wahrzeichen des Ortes hat die Zeiten überlebt. Das Warmbad mit seinem 25 Meter hohen Turm, der alten Sonnenuhr und dem charakteristischen Kuppeldach strahlt in frischem Glanz. Im hier beginnenden Kurpark (Lärchenpark) steht die Wasserträgerin, eine Statue von Hermann Brachert.

Von der Promenade gelangt man auch zum Strand. Am Ostende geht man die riesige, enorm breite Paradetreppe mit der Sonnenuhr hinunter. Am Westende fährt man mit der kleinen Seilbahn, oder man geht den Serpentinenweg hinab. In der Mitte gibt es dort, wo früher die Drahtseilbahn stand, einen vom Veteranenverband betriebenen Fahrstuhl.

Jantarnij / Palmnicken
Schon der Name Jantar (deutsch: Bernstein) sagt es: Das 50 Kilometer von Kaliningrad entfernte Jantarnij ist die Bernsteinstadt. Hier wird der Bernstein im Tagebau aus der Blauen Erde gewonnen. Einen wunderbaren Ausblick auf die Blaue Erde des Abbaugebietes hat man von oberhalb des Ortes. Auch von hier oben erkennt man die Bernsteinfischer. Sie fischen mit Netzen Bernsteinklumpen aus dem Abwasser der Mine.

Der Zugang zum Werk ist wegen der Angst vor Diebstählen sehr beschränkt, denn fast ein Drittel der Produktion verschwindet in dunklen Kanälen. Bernsteinmuseum und Bernsteingeschäft der Mine sind aber immer zugänglich.

Bereits in prähistorischer Zeit wurde hier Bernstein gesammelt, der im Tauschhandel bis Mesopotamien und Ägypten gelangte. Später hatte der deutsche Orden das Monopol auf den Bernsteinhandel. Das Volk durfte nur gegen kargen Lohn einsammeln und die Kostbarkeiten abgeben. Wer das nicht tat hatte drakonische Strafen zu erwarten, meist wurden kleine Diebe ohne viel Federlesen an Ort und Stelle aufgehängt.

1872 errichtete die Firma Stephan und Becker hier das erste Bernsteinwerk. Der Bernstein liegt in dieser Gegend in 40 bis 50 Metern Tiefe in einer Schicht blauer Erde. Ab 1913 wurde der Bernstein dann mit einem grossen Bagger im Tagebau abgebaut. Ungefähr eineinhalb Tonnen der blauen Erde enthalten durchschnittlich zwei Kilogramm Bernstein. Der Betrieb, der heute „Russky Jantar“ heisst, fördert jährlich 600 bis 800 Tonnen Bernstein, das sind sage und schreibe 94 Prozent der Weltproduktion.

Im damaligen Palmnicken fand am 30. Januar 1945 ein brutales Massaker statt, als die SS Tausende entkräftete KZ-Häftlinge nach einem Todesmarsch in die eisige Ostsee trieb. Von 7000 Häftlingen überlebten nur 15. Ein Gedenkstein vor der Grube Anna erinnert an die Opfer.

Alle Fotos: Brigitte Jäger-Dabek

Tagged: Archive, Russland

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