In Zürich leben Grufties, die ihr Dasein als Vampire fristen. Sie trinken Blut, lassen sich Eckzähne ansetzen und verkriechen sich tagsüber in Särge, um sich dann als bleiche Gestalten an der Nacht zu frönen. Nichts Besonderes, dachte ich – bis mir jemand aus diesen Kreisen ein Treffen mit „der Gräfin“ organisierte. Ein Blick ins dunkle Zürich:

Eigentlich sollte die Begegnung mit der Untoten bei Vollmond, auf einem Friedhof stattfinden, als man mir kurz zuvor mitteilte, dass die Gräfin mich in einer Bar treffen möchte. Sie kommt natürlich zu spät, wie es sich für eine Lady gehört. Ihr Auftritt könnte gelungener nicht sein: Gehüllt in einen langen, eng anliegenden Mantel, mit hochgestecktem, blondem Haar und ausdrucksvoll geschminkten Augen zieht sie alle Blicke auf sich. Sie reicht mir die Hand zum Kuss. Ich wusste nicht, was mich erwartet, aber dass ich so fasziniert sein würde, hätte ich nicht gedacht.

Sie lächelt. Nicht lieblich oder sinnlich, sondern überlegen und allwissend. Sie habe ihre Gründe, mir dieses Interview zu gewähren; Genaueres will sie mir nicht sagen. Die Gräfin stellt mir viele Fragen, darauf bin ich nicht vorbereitet. Sie ist es gewohnt, die Zügel in der Hand zu halten und ignoriert jeden Versuch von mir, die Oberhand über das Gespräch zu gewinnen. „Haben sie heute schon den Mond betrachtet?“, will der Vamp wissen. Meine Antwort interessiert sie nicht; sie schaut gebannt aus dem Fenster und betrachtet eine wunderschöne junge Frau auf der anderen Strassenseite. „Sie ist noch Jungfrau“, bemerkt die Gräfin. Sie nippt an ihrem Glas, gefüllt mit erlesenem Wein, welchen sie nicht schmecken kann. Sie trinkt ihn aus Freude an der Erinnerung, wobei sie Freude nicht empfinden kann. Sie kennt Verlangen, Wut und Entzücken. Liebe, Hass, Schmerz und Angst, sind ihr jedoch fremd.

Das Kind der Nacht möchte, dass wir gehen, und so ziehen wir durch die dunklen Gassen der Langstrasse, den Vollmond immer im Blickwinkel. Die blasse Frau an meiner Seite war mit einem Grafen verheiratet. Das ist allerdings schon 600 Jahre her. Sie gebar ihm eine Tochter. „Das Kind hat meine Figur ruiniert!“, antwortet sie auf meine Frage, ob sie sich damals darüber gefreut hatte. Wir passieren stinkende Gassen und dunkle Gestalten, welche im Kontrast zu dem edlen Wesen stehen, das mit stolz erhobenem Haupt durch diese Gegend schreitet. „Der Vampir, der mich gemacht hat, stammt aus Russland. Wir sind alle Kains Nachfahren, trotzdem gibt es verschiedene Gruppen.“ Während wir in immer düstere Strassen einbiegen, erzählt mir die Gräfin Vieles und doch nichts. Sie ist Künstlerin, will mir aber nicht sagen, woran sie arbeitet. Sie ist aus geschäftlichen Gründen in Zürich, wohnt aber irgendwo ausserhalb.

Es leben etwa 200 Vampire in dieser Stadt, über die weiss sie jedoch nicht viel, weil sie sie nicht interessieren. „Vampire sind grundsätzlich Einzelgänger. “ Die Gräfin schaut in den Mond. Das erste Mal wirkt sie weder konzentriert noch aufmerksam, sondern verträumt. Ich ergreife diese Gelegenheit und frage sie, warum man in den Zeitungen nie etwas von gebissenen oder blutleeren Menschen lese und ob Vampire sich nur namenlose Opfer aussuchen. Die Gräfin beisst ausschliesslich Jungfrauen, nicht umsonst habe sie einen solch makellosen Teint. Vampire haben die Gabe, ihr Opfer zu hypnotisieren. Sie versetzen es in eine Art Ekstase und trinken sein Blut. Ein kleiner Schnitt genügt, es müssen nicht unbedingt Zähne in den Hals gebohrt werden. Am nächsten Morgen wacht man auf und kann sich nur noch daran erinnern, dass man sich an nichts erinnert. Der Kater weist einen darauf hin, dass man wohl zuviel getrunken hat. „Glauben sie an einen Gott, an ein Leben nach dem Tod?“ – „Nein“, antwortet sie. Die Gräfin bleibt stehen. „Ich muss jetzt gehen, sie sind sehr mutig.“ Wieder reicht sie mir ihre Hand zum Kuss, überreicht mir eine Visitenkarte und verschwindet dann schnell und leise in einer dunklen Gasse.

Zuhause mache ich mich sofort im Internet schlau und muss feststellen, dass ich einem Rollenspiel zum Opfer gefallen bin (Näheres hier). Zürich wimmelt also doch nicht vor Vampiren.

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