Schon im 9. Jahrhundert kamen erstmals jüdische Kaufleute nach Prag und begründeten die mehr als tausendjährige jüdische Kultur in der heutigen Hauptstadt Tschechiens. Im 12. Jahrhundert wurde bereits von einem lebhaften jüdischen Gemeindeleben vor den Toren Prags berichtet. Und die jüdische Gemeinde wuchs weiter, auch wenn die Lebensverhältnisse in dem den Juden einzig erlaubten Wohnviertel sehr beengt waren. Obwohl Juden vom gesellschaftlichen Leben weitgehend ausgegrenzt blieben, erlebt Prags jüdische Gemeinde im 16. Jahrhundert ihre Blütezeit.

Erst 1850 wurde die damals sogenannte Judenstadt von Prag eingemeindet. Josefov, auf deutsch: Josefstadt, hiess nun Prags neuer, fünfter Stadtteil nach Kaiser Joseph II., der den Juden 1781 ein Toleranzpatent ausgestellt hatte. Noch immer aber lebte die jüdische Gemeinde in ihrem engen, ummauerten Ghetto mit den Einlasstoren. Erst 1822 wurde das letzte Tor abgerissen. Der Grossteil von Josefstadt wurde ab Ende des 19. Jahrhunderts bis 1913 geschliffen. Die Hygienischen Verhältnisse in dem eng bevölkerten Viertel wurden untragbar. Es war die Zeit, in der viele grosse Städte wie beispielsweise Hamburg von Choleraepidemien und ähnlichen Plagen heimgesucht, die ihren Ausgang durchwegs in solchen Stadtvierteln gehabt hatten.

In Josefstadt wurden nun ganze Strassenzüge weggerissen und überwiegend im Jugendstil neu wieder aufgebaut, grosszügig und an breiteren Strassen. Dieser Stadtsanierung fiel auch das Geburtshaus von Franz Kafka (1883-1924) an der Ecke Kaprova- und Maislova-Strasse zum Opfer, woran hier heute eine Gedenktafel erinnert. So gingen zwar viele Spuren jüdischen Lebens unwiederbringlich verloren, es entstand aber ein neues, attraktives Viertel mit wertvollen Baudenkmälern. Die schlimmste Heimsuchung erlebten die Prager Juden durch den Holocaust, nur jeder fünfte von ihnen überlebte das Inferno, heute leben knapp 2.00 Juden in Josefov.

Inzwischen gehören die Jugendstilfassaden von Josefov zu den prächtigsten Strassenzügen von ganz Prag, und mit der Josefstadt blieb das europaweit komplexeste Ensemble jüdischer Kulturzeugnisse und Baudenkmäler erhalten.


Jugendstilfassaden allerorten. Foto: WikimediaCommons; W.Sauber.

Sechsundsechzig bedeutende Bauten bleiben erhalten, darunter die Zeremonienhalle und der jüdische Friedhof, das Jüdische Rathaus sowie sechs Synagogen bilden heute das jüdische Museum. Das schon 1906 von der Prager Gemeinde gegründete jüdische Museum war eines der ersten in Europa und verwaltet heute neben den Gebäuden auch die reichhaltigen Sammlungen jüdischer Kultur in Prag.

Das Barockgebäude des Jüdischen Rathauses (Židovská radnice) ist noch heute Sitz der jüdischen Gemeindeverwaltung in Prag und Veranstaltungsort. Früher war es Sitz der jüdischen Selbstverwaltung der Prager Judenstadt, wo der Ältestenrat residierte, der die Gemeinde nach innen und aussen repräsentierte.

Gegenüber steht die Hohe Synagoge, die der jüdischen Gemeinde 1994 zurückgegeben wurde. Seit 1995 dient sie wieder als zentrales Gebetshaus für das Rabbinat und die Angestellten der Gemeinde. Seither finden hier Trauungen nach jüdischem Ritus und Beschneidungen statt.

Der Alte Jüdische Friedhof mit seinen über 10’000 erhaltenen Grabsteinen ist heute Kulturdenkmal. Auch hier herrschte Enge, die Grabsteine stehen nahe beieinander, dennoch reichte der Platz nicht aus war, und es wurde in mehreren Lagen übereinander bestattet. Die Grabsteine sagen viel aus über das jüdische Leben in Prag, die eingemeisselten Symbole bezeichnen die Familien oder ihren Beruf. Das meistbesuchte Grab ist das des 1609 verstorbenen Rabbi Löw, von dem die Legende sagt, er habe den Golem geschaffen, einen Menschen aus Lehm, der die Juden beschützen sollte.


Auf dem alten jüdischen Friedhof. Foto: WikimediaCommons; Wamito.

Am Friedhofsausgang befindet sich die Jüdische Zeremonienhalle (Obřadní síň), ein 1912 fertiggestellter Neoromanikbau. Hier können Ausstellungen zum Themenbereich Medizin, Krakheit und Tod besichtigt werden.

Die nach dem Ghettobrand von 1689 erbaute und 1694 vollendete Klausen-Synagoge ist ganz in der Nähe zu finden, in der eine Ausstellung zu jüdischem Brauchtum und Festtagsriten untergebracht ist. Weitere sehenswerte Synagogen im Verband des jüdischen Museums sind die nur wenige Gehminuten entfernte Maisel-Synagoge, die Pinkas-Synagoge und die Spanische Synagoge.


Die Maiselsynagoge. Foto: WikimediaCommons; HighContrast.

Nicht zum jüdischen Museum gehört die Mitte des 13. Jahrhunderts erbaute Altneusynagoge, deren Gewölbe auf achteckigen Pfeilern ruht. Sie ist die älteste erhaltene Synagoge Mitteleuropas und reicht verziert, auch die Inneneinrichtung ist frühgotischen Ursprungs. Heute ist sie die Hauptsynagoge der jüdischen Gemeinde Prags.

Doch nicht nur Kultur gibt es in Josefov, Restaurants und Cafes mit jüdischen Spezialitäten und Klezmermusik laden zum Verweilen und viele hübsche kleine Läden zum Stöbern und Bummeln ein und Runden den Besuch in Josefov ab.

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