Istanbul war schon immer nicht nur eine Wirtschaftsmetropole, sondern vor allem eine 2000 Jahre alte Stadt der Kultur. Die einzigartige Lage auf zwei Kontinenten machte sie zu einer kulturellen Schnittstelle zwischen Orient und Okzident. Sie war Hauptstadt des Osmanischen Reiches und ist heute mit ihren rund 10 Millionen Einwohnern die bei weitem grösste Stadt der Türkei und die heimliche Hauptstadt des Landes. Aber sie war auch das Zentrum des byzantinischen Kaiserreiches und damit einstmals ein Hort des Christentums und abendländischer Kultur. Fragen nach den geografischen Grenzen des Raumes gemeinsamer kultureller Identität Europas stellen sich in Istanbul nicht – hier liegt auch ein Grossteil europäischer kultureller Wurzeln.

Istanbul

Das wollte die Türkei mit ihrer Bewerbung um den Titel einer Europäischen Kulturhauptstadt unterstreichen. So soll 2010 die Chance mit sich bringen, Istanbul und die Türkei als Brücke zwischen den Kulturen zu zeigen und die Bedeutung der hier angesiedelten osmanischen aber auch der graeco-judeo-christlichen Wurzelnzu vermitteln.

Ein Schaufenster der modernen Türkei ist Istanbul ohnehin. Aus allen Nähten scheint die quirlige Metropole zu platzen, der Verkehrsstau scheint in Istanbul erfunden worden zu sein. Vordergründig ist Chaos das Lebensprinzip Istanbuls, doch auf den zweiten Blick sieht man die ungeheure Vielfalt, den kulturellen Reichtum der Stadt und die ungeahnt vielen, längst in den Alltag integrierten Einflüsse und Lebensweisen. In dieser Metropole im Schnittpunkt der Kulturen gibt es alles in engster Nachbarschaft, westliches Nachtleben und anatolische Dorfidylle, Luxus und Armut der anatolischen Zuwanderer, Originale und Kulturen und die beeindruckenden Baudenkmäler der grossen Weltgeschichte, die sich hier abspielte.

Geprägt ist das heutige Istanbul vom Islam und imposanten Moscheen wie der auch Blaue Moschee genannten Sultan-Ahmet-Moschee, der Süleymaniye und natürlich der Hagia Sophia, die 537 unter Kaiser Justinian als gewaltigste Kirche der Christenheit fertiggestellt wurde. Über 1000 Moscheen soll es in der Stadt geben und der Ruf des Muezzins zum Gebet schallt von den Minaretten fünfmal täglich über die Stadt und bestimmt den Tagesablauf.

Genauso beeindruckend sind weltliche Bauten wie der märchenhafte, 1465 von Sultan Mehmet II. erbaute Topkapi-Palast. Die berühmte Filmkulisse allein war eine Stadt in der Stadt, in der seinerzeit rund 5’000 Menschen inmitten sagenhaften Reichtums lebten. Ein Museumsbesuch lässt die Prachtentfaltung im Osmanischen Reich noch heute erahnen.

Ein unverwechselbares Zeugnis Istanbuler Alltagskultur ist Kapali Carsi, der überdachte Grosse Basar. Quirliges Geschäftsleben eng an eng gedrängt zieht täglich eine halbe Million Besucher an, die durch die 18 Tore in den Basar strömen und eintauchen in die Welt der Marktschreier und der Düfte des Orients. Nicht weniger sehenswert ist der Ägyptische Basar.

Doch nicht nur die Stadt selbst hat Kulturreisenden viel zu bieten. Wieder eine ganz andere Welt findet man bei einer Fahrt auf dem Bosporus zwischen Maramara Meer und Mittelmeer im Süden und dem Schwarzen Meer im Norden.

An einer Seitenbucht liegen am Goldenen Horn zahlreiche Holzhäuser des 18. und 19. Jahrhunderts direkt am Meer. Sie sind die Sommerrefugien der Istanbuler Oberschicht. Verspielte Fassaden, Erker und Fensterläden sowie eigene Bootsstege lassen manche von ihnen wie kleine Lustschlösser wirken. Höhepunkt dieser schönsten Gegend Istanbuls ist der 600 Meter lange Dolmabahce-Palast mit seinen fast 300 Zimmern.

Ganz im Kontrast dazu steht Eyüp, der Stadtteil, der so gar nicht westlich ist, sondern ganz Klein-Anatolien. Hier trägt Frau nicht Mini oder Highheels, sondern Kopftuch. Man ist gläubig, und manche Ecken wirken wie ein anatolisches Dorf. Doch auch hier ist alles bunte und voller Lebensfreude. Überhaupt gibt es alte Stadtviertel wie Ortaköy mit den vielen Teegärten und Cafes mit Blick aufs Wasser, eine Gegend, die mehr und mehr zum Szene-Treff wird. Da gibt es das orientalische Cafe auf dem Aussichtshügel Camlica, das einen fantastischen Blick über den Bosporus und die Stadt beietet.

Ein Stück Westen in der Stadt ist die Galatasaray-Insel mit dem Beach-Club „Suada“ mit seiner entspannten Atmosphäre oder hippe Nachtclubs und angesagte Openair-Discos. Wie in Paris fühlt man sich auf der Istiklal Caddesi mit ihren Jugendstilfassaden. Am Taksim-Platz schlägt das europäische Herz der Stadt. Eine Trambahn führt von dort durchs Kneipenviertel Beyoglu bis zur Zahnradbahn, die hinunter zur Glatabrücke führt. Durch Istanbul zu streifen ist ein ständiger Wechsel zwischen Orient und Okzident.

Das Konzept hinter der Bewerbung zur Kulturhauptstadt sind die vier Elemente von Aristoteles. Die Erde symbolisiert die historischen Bauten und das kulturelle Erbe der Stadt. Wasser steht für den Bosporus und das Goldene Horn, Luft für alles was in den Himmel ragt, also Minarette und Kirchtürme, aber auch die religiöse Vielfalt Istanbuls und seine Toleranz. Das Feuer ist Symbol für die moderne Kunst und die Jugend.

Nun soll Europa im Istanbul von 2010 die Wurzeln seiner eigenen Kultur entdecken. Dazu wird die Stadt sich eher mit ihrer Geschichte, als mit der kultzurellen Moderne präsentieren. Ein Grossteil der 126 Millionen Euro des Kulturhauptstadt-Budgets wird für die Restaurierung von Istanbuls historischen Kulturschätzen ausgegeben. Bauten wie das Atatürk-Kulturzentrum, die Hagia Sophia, der Topkapi-Palast oder die Loge der tanzenden Derwische werden in frischem Glanz erstrahlen.

Doch da, was Istanbul so lebendig macht, ist die grosse, vielfältige Szene der modernen Kunst. Man wird ihr auf Schritt und Tritt in der Stadt begegnen, auch wenn die grossen Fördergelder an ihr vorbeigegangen sind.

Tagged: Archive, Türkei

Kommentare

  • 1453

    Ou ja die Stadt hat es wirklich verdient. Es liegt mehr Kultur und Geschichte in dieser Stadt als irgendwo anders.
    Ich liebe und lebe für diese Stadt! Meine Stadt!

    Benim Istanbul! Seni seviyorum!

    29. Juni 2010 at 09:56

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