Die Kulturmetropole Lviv / Lemberg. Foto: Wiki Commons

Fast in Vergessenheit geriet nach vier Jahrzehnten es Eisernen Vorhangs das einstmals zum √Ėsterreich-Ungarn der Habsburger geh√∂rige √∂stliche Galizien. Heute geh√∂rt es zur Ukraine. Fast vergessen ist auch, dass diese Landschaft einst ein Europa im Kleinen war und eine Hochburg vielf√§ltiger mitteleurop√§ischer Kultur.

Im Westen Europas wird die Ukraine noch immer kaum wahrgenommen, dabei ist sie das Land mit der gr√∂ssten Fl√§che in Europa. √úber eine lange Zeit der ukrainischen Geschichte war der Dnjepr ‚Äď immerhin Europas drittgr√∂sster Fluss – die Grenze zwischen dem Habsburgerreich im Westen und Russland im Osten. Die westukrainische Weite mit den riesigen f√ľr Getreide- und Tabakanbau genutzten Ebenen, den Karpaten als Begrenzung mit dem Zentrum Lemberg geh√∂rten zu Galizien, genau gesagt, sind sie Ostgalizien.

Das F√ľrstentum Galizien

Selbst√§ndig war das zun√§chst zur Kiewer Rus geh√∂rende F√ľrstentum Galizien, das nach seiner Hauptstadt Halych so genannt wurde, nur im 11. Jahrhundert f√ľr eine kurze Zeit. Nach dem Mongolensturm des 13. Jahrhunderts kam es zum K√∂nigreich Polen. Nach der Ersten Teilung Polen 1772 wurde Galizien dem √∂sterreichisch-ungarischen Habsburger Reich zugeschlagen. Seit 1846 reichte das habsburgische K√∂nigreich Galizien und Lodomerien vom Krakau im Westen bis hinter Ivano Frankivsk im Osten, von den Karpaten im S√ľden bis n√∂rdlich von Lemberg/Lviv.

Mit dem Einzug der Habsburger setzte ein Modernisierungsschub ein. Die St√§dte, allen voran Lemberg, bl√ľhten auf. Dennoch blieb Galizien zivilisatorisch immer noch weit hinter Wien zur√ľck. Was Galizien so einmalig machte, war die einzigartige Atmosph√§re seiner vielf√§ltigen Kultur, gepr√§gt durch die verschiedensten dort lebenden V√∂lkerschaften.

Multikulturelles Galizien

Vor dem Ersten Weltkrieg lebten in Galizien knapp siebeneinhalb Millionen Einwohner, von denen etwas mehr als die H√§lfte polnischsprachig waren, gut 40 Prozent Ukrainer, elf Prozent Juden, drei Prozent Deutsche dazu kamen Armenier, Ungarn und andere. Sie alle lebten friedlich zusammen und entwickelten ein reichhaltiges kulturelles Leben. St√§dte wie Drohobycz, Brody und Lemberg waren Geburtsorte bekannter Schriftsteller und K√ľnstler verschiedener Sprachen. So schrieben Bruno Schulz, Zbigniew Herbert, Stanislaw Jerzy Lec, Adam Zagajewski und Stanislaw Lem polnisch, Joseph Roth und Manes Sperber deutsch. Sie alle zeugten davon, dass sich hier ein Zentrum mitteleurop√§ischer Kultur befand.

Nach dem ersten Weltkrieg, in dem Galizien als hart umk√§mpfter Kriegsschauplatz stark gelitten hatte, kam es zu Polen und bestand in seiner kulturellen Pluralit√§t weitgehend fort. Im 2. Weltkrieg wurde die Region nach kurzer sowjetischer Besetzung vom Deutschen Reich okkupiert, Millionen vor allem j√ľdischer Galizier starben. Nach dem Krieg war Galizien wie die ganze Ukraine bis 1991 Teil der Sowjetunion.

Kleineuropa allerdings ist l√§ngst Geschichte, die Shtetl des ostj√ľdischen Welt sind mit ihren Bewohnern im Holocaust ausgel√∂scht worden, die Deutschen vertrieben, die Polen zwangsausgesiedelt ‚Äď Galizien heute ist ein ethnisch relativ homogenes Gebilde.
Dennoch lohnt sich ein Besuch, denn man sucht eine Verbindung zur Geschichte in Galizien und versucht, Zeugnisse der vielen kulturellen Einfl√ľsse seiner Bewohner zu bewahren, Altst√§dte zu sanieren, von denen etliche von Kriegszerst√∂rungen weitgehend verschont geblieben sind. Dazu kommt eine herrliche weite Landschaft mit √ľberaus gastfreundlichen Bewohnern.

Kulturmetropole Lemberg/Lviv

Mittelpunkt und kulturhistorisches Highlight ist Lemberg, die Stadt mit den vielen Namen. „Lemberg“ wurde sie von Deutschen, Schweizern und √Ėsterreichern genannt, „Lw√≥w“ von den Polen, „Lwow“ von den Russen und „Lviv“ von den Ukrainern. Liebevoll versucht man dort die Spuren seiner kulturell so reichen und vielf√§ltigen Einwohnerschaft zu retten.

Zwar nimmt man hier und dort deutlich wahr, dass die Ukraine, im europ√§ischen Massstab gesehen, ein armes Land ist, genauso deutlich aber ist an den zahlreichen bereits restaurierten Strassenz√ľgen zu erkennen, was f√ľr eine sch√∂ne Stadt Lemberg war und von Tag zu Tag wieder mehr wird.

Vielfalt der Bewohner

Knapp eine Million Einwohner hat die heimliche Hauptstadt der Ukraine , die keine hundert Kilometer von der polnischen Grenze entfernt liegt und so sehr vom Zusammenleben verschiedener V√∂lker gepr√§gt wurde. Bereits 1250 gr√ľndete Galizierf√ľrst Danilo Romanowitsch hier eine Burg, die er nach seinem Sohn Lew benannte. Die junge Siedlung erhielt 1356 vom polnischen K√∂nig Kazimierz III. das Magdeburger Stadtrecht. Schnell entwickelte sich die Stadt zu einem bl√ľhenden Handelsplatz, in dem sich die verschiedensten Nationalit√§ten ansiedelten; Armenier, Deutsche und Ukrainer pr√§gten das Stadtbild. Diese Vielfalt der Nationen brachte auch eine Vielfalt von Konfessionen mit sich, die tolerant miteinander umgingen. So wurde aus Lemberg eine Stadt der verwischten Grenzen, wie Joseph Roth es beschrieb.

Lviv heute

Das sowjetische Nachkriegslemberg hatte in einem fast vollständigen Bevölkerungsaustausch 80 Prozent seiner Einwohner verloren. Die Stadt heisst heute Lviv und gehört seit dem Zerfall der Sowjetunion zur Ukraine. Die von grossen Kriegsschäden verschonte Lemberger Altstadt ist heute ein gut erhaltenes einmalig vielfältiges mittelalterliches Ensemble, das seit 1998 auf der UNESCO-Liste des Weltkulturerbes steht. Die Altstadt liegt zwischen dem Freiheitsplatzes im Westen und dem Rynok, dem alten Markt, der noch immer das Herz der Stadt ist. Dominiert wird der von vielen schön restaurierten Häusern mit Barock- und Renaissance-Fassaden umstandene Rynok vom mächtigen Rathaus. Hier befindet sich auch das sehenswerte Historische Museum der Stadt.
Um diesen Alten Markt ist die Stadt ringf√∂rmig angelegt, mit engen Strassen und Gassen, die einst Lembergs Handwerker und H√§ndler beherbergten, strassenweise sortiert nach Schustern, Druckern oder Seilern. Das Ganze endete nicht in babylonischem Durcheinander, sondern meist geh√∂rten die Handwerker einer Zunft auch der gleichen Nation an. An die grosse Vielfalt erinnern heute noch Strassennamen wie Armenische, J√ľdische oder Serbische Strasse.

Am Rynok beginnt man auch die einstige Vielfalt der Konfessionen zu ahnen. Da gibt es die Lateinische Kathedrale aus dem 13. Jahrhundert, die Dominikaner-Kirche mit der gr√ľnen Kuppel im Osten der Altstadt oder die Armenische Kirche im Norden des Marktes, die aus dem 14. Jahrhundert stammt. So zahlreich wie die Sprachen Lembergs ist auch die Vielfalt unter den Kirchen. So gibt es ukrainisch-katholische, griechisch-katholische, armenisch-Katholische, katholische, orthodoxe sowie protestantische Gottesh√§user. Im Osten der Altstadt liegt der ab 1786 eingerichtete, vierzig Hektar grosse Lyczakowski‚ÄďFriedhof, ein imposantes Zeugnis der multinationalen Vergangenheit Lembergs.

Eindrucksvoll sind auch die Reste der grossen Renaissance-Synagoge aus dem Jahre 1582.
Ins mittelalterliche Lemberg f√ľgen sich ganz selbstverst√§ndlich die Fin de Siecle ‚Äď Bauten der Habsburgerzeit ein, besonders um den Freiheitsplatz um den herum sich das moderne Leben abspielt, hier sind die angesagten Restaurants und Hotels der Stadt. Am Nordende des Prospekts steht das imposante Opernhaus, das zur Jahrhundertwende 1900 fertig gestellt wurde. Caruso gastierte in Lemberg genauso wie Paganini, Liszt und Ravel.

Tagged: Archive, Ukraine

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