Pecs, oder Fünfkirchen, wie die südungarische Stadt auf Deutsch heisst, ist Kulturhauptstadt 2010 und hat ihr Hauptstadtjahr am 10. Januar mit einem bunten, einstündigen Historienspektakel eröffnet. Ein Jahr lang soll die mit 170’000 Einwohnern fünftgrösste Stadt des Landes nun das Schaufenster Ungarns sein, erklärte Ministerpräsident Gordon Bajnai bei der Eröffnungsfeier.

Warum Pecs? Städte wie diese – prächtig hergerichtet und herausgeputzt, mit vielfältiger Geschichte – sind geprägt von vielen Völkern und Kulturen und zeigen, wie bunt es oft in der europäischen Geschichte zuging und dass Moscheen wie selbstverständlich seit Jahrhunderten neben Kirchen standen. Dieses bunte, kulturell so reiche Europa zeigt sich exemplarisch in einer Stadt wie Pecs, in der etwas abseits von der grossen Weltgeschichte die Menschen lernten, damit umzugehen und miteinander zu leben. Kreuz und Halbmond auf der Kuppel der osmanischen Moschee sind nicht umsonst bis heute ein Symbol für das multikulturelle Pecs. 17 Moscheen bauten die Osmanen hier, keine andere Stadt in Ungarn hat so viele osmanisch-türkische Monumente. Das wohl berühmteste Denkmal ist die Moschee Ghasi Khasim auf dem Szechenyi-Platz, die um Mitte des 16. Jahrhunderts gebaute wurde. Nach dem Ende der osmanischen Herrschaft 1686 wurde das Gebäude von den Christen übernommen; seitdem ist es eine römisch-katholische Kirche. Auf dem Dach prangen bis heute friedlich vereint Halbmond und Kreuz.

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Pecs ist selbst im ungarischen Massstab weit ab vom Schuss, oder besser gesagt: weit ab vom alles überstrahlenden Budapest. Und doch ist es nicht nur weil es im 2010 europäische Kulturhauptstadt ist, eine Reise wert.

Die Stadt in Transdanubien ist eine der ältesten Städte Ungarns und war schon in vorgeschichtlicher Zeit besiedelt. Zu römischer Zeit war die Stadt am Fusse des Mecsek-Berges als Sopianae in der römischen Provinz Pannonien bekannt. Aus der Zeit, als Pecs ab dem vierten Jahrhundert eines der frühen Zentren der Christenheit war, stammt der frühchristliche Friedhof, der zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört. Über die Bezeichnung „Quinque Ecclesiae“ kam es zur deutschen Bezeichnung „Fünfkirchen“. Der Name Pecs wurde erstmals 1235 urkundlich erwähnt. Immer war Pecs auch ein geistig-kulturelles Zentrum, die erste Universität wurde bereits 1367 vom ungarischen König Ludwig dem Grossen als erste Alma Mater des Landes gegründet.

Über die Jahrhunderte wurde Pecs vielen Völkern und Kulturen zur Heimat, die hier alle ihre Spuren hinterliessen. Laslo Dervasi, ein bekannter ungarischer Schriftsteller, schrieb, das Entzückende an dieser sonnenlichten, wallenden, von Süden, Westen und Norden her gleichermassen atmenden Stadt sei, dass die grossartige Konstellation römischer, türkischer und christlicher Einflüsse im städtischen Alltag einen bleibenden Niederschlag gefunden habe.

Tatsächlich ist das vielfältige historische und kulturelle Erbe überalle präsent in Pecs, das wegen seiner südlichen Lage „Tor zum Balkan“ genannt wird. Besonders viele Denkmäler sind aus der 150 Jahre währenden osmanisch-türkischen Besatzungszeit von 1543-1686 erhalten. Da prägen die Ghasi Khasim- und die Pascha-Hassan-Jakovali-Moschee den zentralen Szechenyi-Platz, an dem auch der Zsolnay-Brunnen aus dem Jugendstil steht.

Neben den Osmanen hinterliessen auch Juden – die Synagoge von 1869 ist ein architektonisches Schmuckstück -, deutsche Banater Schwaben, Roma und Kroaten hier ihre Spuren. Wie eine Klammer umschliessen das alles die malerischen, teils barocken Gassen, in denen die k.u.k.-Zeit stehen geblieben zu sein scheint.

Das Musterhafte dieses Pecser europäischen Miteinanders findet Ausdruck im Programm des Kulturhauptstadtjahrs. Vom 180-Millionen-Euro-Etat des Kulturhauptstadtprojektes geht ein grosser Teil in den Ausbau der Universität und in das neue Kulturviertel rund um die Zsolnay-Porzellanmanufaktur mit dem Museum und dem Planetarium. Doch wird wohl genug für die geplanten Veranstaltungen und die Kulturmeile bleiben, um das attraktive Programm durchzuziehen: Die Kulturnation Ungarn präsentiert ihre Blüte sowohl im Habsburger als auch im Osmanischen Reich, die deutsche Minderheit ist im Lenauhaus und auf der deutschen Bühen prominent vertreten, zahlreiche Roma-Orchester werden Stimmung in die Stadt bringen. Die bildende Kunst wird ein besonderes Gewicht haben, das präsentiert man mit dem, was man ohnehin schon hat, denn viele bedeutende ungarische Künstler stammen aus Pecs wie Victor Vasarely, der Op-Art-Begründer, oder auch der Bauhaus-Vertreter Marcel Breuer. So werden Avantgarde und Bauhaus Programmschwerpunkte sein. Dazu kommen Literatur-,Film-, Theater-, Tanz- und Musikfestivals. Immer etwas los sein wird im neuen Museumsbezirk der weitläufigen ehemaligen Porzellan-Manufaktur Zsolnay und der supermodernen Bibliothek, die die Welt der Bücher und Literatur ganz neu erfahren lässt.

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