Was man bei einem Aufenthalt in Xiamen und Umgebung nicht verpassen sollte, ist der Besuch der „Tulou“. Das sind runde oder quadratische, grosse Erdbauten, in denen ganze Familienclans zusammenwohnen.

Sie wurden einst von den Hakka erbaut. Die Hakka gehören zu einer der acht Han-Chinesischen Volksgruppen und haben eine eigene Sprache. Ursprünglich stammen sie aus der Gegend um den Baikalsee in Sibirien. Nach mehreren Migrationsbewegungen haben sie sich in Südchina und später auch in anderen asiatischen Ländern und Übersee angesiedelt. Hakka bedeutet im Chinesischen „Gäste“. Heute gibt es weltweit über 60 Millionen Hakkas.

Bekannt sind vor allem die runden Erdhäuser der Hakka im Kreis Yongding in der Provinz Fujian. Sie haben meist drei bis fünf Stockwerke und beherbergen bis zu etwa 800 Personen. Im ersten Stock befinden sich Küche und Essräume, der zweite dient als Lager und im dritten, vierten und fünften Stock sind die Schlafzimmer. (Fotos zur Vergrösserung einfach anklicken.)

Als Verteidigungsbauwerke besitzen die Tulou nur wenige Fenster in den oberen Stockwerken und nur einen einzigen Eingang. Die Räume befinden sich rund um einen grossen Innenhof, der als Gemeinschaftshalle dient. Die Dächer sind mit Ziegeln gedeckt und besitzen überhängende Traufen. In der Mitte befindet sich die Ahnenhalle, die von allen Bewohnern für Hochzeiten, Begräbnisse und andere Festlichkeiten genutzt wird.

Die mehrere Meter dicken Aussenmauern werden ausschliesslich aus Lehm errichtet. Im Innern wird Holz verwendet, um die einzelnen Räume zu unterteilen, die von einem Gang abgehen, welcher durch das gesamte Haus verläuft.

Die runde Form der Lehmhäuser begünstigt die Ventilation, sodass die Räume im Sommer angenehm kühl und im Winter behaglich warm bleiben. Ausserdem sind sie enorm widerstandsfähig und erdbeben- sowie feuersicher. Die Gebäude wurden seit dem 12. Jahrhundert bis in die Gegenwart gebaut. Die aufwändigsten stammen aus dem 17. und 18. Jahrhundert; einige davon wurden von der UNESCO in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen.

Früher lebten die Tulou-Bewohner vor allem vom Ackerbau und der Viehzucht. Auch heute wird noch Landwirtschaft betrieben. Aber auch das moderne Leben hat Einzug in den Alltag der Hakkas gehalten. Vor allem die jüngere Generation arbeitet in den naheglegenen grossen Städte. Viele Einheimische sind in Neubauten umgezogen.

Die sehenswertesten Erdbauten im Kreis Yongding:

Tianloukeng Tulou:Diese Hakka-Burg ist eine der prächtigsten und am besten erhaltenen. Sie besteht in erster Linie aus vier runden und einem rechteckigen Erdhaus, wird deshalb im Volksmund auch „vier Gerichte und ein Suppe“ genannt.

Yuchanglou: Erbaut im Jahr 1308, ist es eines der ältesten existierenden Erdhäuser. Das fünfstöckige Gebäude ist bekannt für seine schrägen Säulen. In dessen Mitte verkaufen die Bewohner Kunsthandwerke und Souvenirs.

Taxia Village: Das exquisite Hakka-Dorf liegt in einem Tal. Die über 20 verschieden geformten Lehmbauten wurden am Ufer eines klaren Baches errichtet, der durchs Dorf fliesst. Ein weiterer Anziehungspunkt ist „Zhangs Clan Ancestral Hall“. 20 steinerne Fahnenmasten ragen wie ein Steinwald vor der Halle. Sie gehört zu den Haupt-Kulturreliquien Chinas.

Yongding Hakka Cultural Village (Hongkeng Tulou): Diese Ortschaft ist die konzentrierteste aller Hakka-Dörfer. Sie besteht aus rund 100 Gebäuden verschiedener Grösse, welche zu beiden Seiten eines Baches liegen. Ein paar der Häuserdesigns sind einzigartig; darunter „Zhenchenglou“ (ein prächtiges Gebäude mit einer Kombination aus chinesischem und westlichem Stil), „Fuyulu“ (Fünf-Phönix-Haus) oder „Heguilou“ (ein quadratischer Bau und mit 21.5 Metern das höchste aller Erdhäuser). Dort findet man auch eine Reiswein-Destillation, in der hausgemachter Reiswein hergestellt wird.

Changjiao Ancient Village: Der Spaziergang durch dieses alte Dorf versetzt einen zurück in die Zeit des traditionell ländlichen Lebens. Übrigens auch ein beliebter Ort für Filmproduktionen.

Chuxi Tulou: Das Dorf umfasst fünf grosse runde und zehn rechteckige Gebäude. „Jiqinglou“ mit seinen 206 Zimmern ist das bekannteste und speziellste darunter. Im Gegensatz zu den normalen Rundhäusern, die nur vier öffentliche Treppen aufweisen, ist Jiqinglou mit 72 Treppen ausgestattet. Alle Räume, Treppen und Innenwände bestehen aus Holz, und trotzdem wurde nicht ein einziger Nagel für diesen Bau verwendet. Heutzutage informiert das Gebäude in Form eines Museums über das einzigartige Leben, die Geschichte und Kultur der Hakka.

Die Anreise von Xiamen aus

Wir haben die Tulou gleich zweimal besucht. Von Xiamen aus erreicht man sie per Auto nach etwa dreistündiger Fahrt. Xiamens Reisebüros bieten Touren zu den Erdbauten an. Hat man wenig Zeit, kann man die Rundhäuser gut in einem Tag besuchen. Angenehmer und weniger stressig ist aber ein zweitägiger Ausflug.

Es gibt ein paar, wenn auch nicht viele Übernachtungsmöglichkeiten in der Umgebung der Tulou. Das schmucke Dörfchen Taxia etwa, welches mich ein bisschen ans Tessin erinnerte, bietet gemütliche Gästehäuser. Eine weitere Übernachtungsmöglichkeit ist in den Rundhäusern selbst. Sicher ein spezielles Erlebnis. Der Nachteil ist, dass man sich Toiletten und Waschräume mit den anderen Gästen teilen muss.

Die Autorin: Tamara Benz, Jahrgang 1983, ist in Davos geboren und aufgewachsen, ehe sie für sieben Jahre nach Brugg zog. Dann ging ihre Reise weiter: Seit kurzem lebt sie nun in China. Ihr Freund hat hier einen Job als Expat in der Stadt Xiamen bekommen. Und sie will die Möglichkeit nutzen, Land, Leute und die Sprache kennenzulernen. Hier im Blog berichtet Tamara regelmässig über ihr Leben in Asien.

Tagged: Archive, China, Reisetipps & Insider

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