Es gibt Orte auf der Welt, deren Existenzgrundlage und Bedeutung hauptsächlich darin besteht, an der Grenze zu liegen. Das ist umso mehr der Fall, wenn die Grenze der beteiligten Länder nicht bloss eine Trennung zwischen völkerrechtlichen Einheiten darstellt, sondern zusätzlich ein ökonomisches Ungleichgewicht untermauert oder politische Systeme voneinander trennt. Dieser Effekt kann durch natürliche oder künstliche Barrieren verstärkt werden: durch einen Bergpass, ein Gewässer, einen streng bewachten Zaun oder eine Mauer.


In Westeuropa sind künstliche Grenzen kontinuierlich abgebaut worden und politisch sowie wirtschaftlich wächst Europa immer mehr zusammen. Doch in vielen Ländern Afrikas, Asiens, Lateinamerikas und an deren Grenzen untereinander oder zu „entwickelten“ Volkswirtschaften sieht die Realität anders aus. Beispielsweise im mexikanischen Tijuana an der Grenze zu den USA oder im chinesischen Shenzhen an der Grenze zu Hong Kong. In derselben Situation befindet sich auch Ciudad del Este in Paraguay, das Pendant zu Foz do Iguaçu in Brasilien und Puerto Iguazu in Argentinien. Die beiden letzteren leben vor allem vom durch die Iguaçu-Fälle generierten Tourismus und sind in ihrem Land relativ kleine Städte. Ciudad del Este – von den Einheimischen C’eleste (himmlisch) genannt – lebt vom durch den Itaipu-Staudamm generierten Strom und seiner Lage als Grenzstadt. Ciudad del Este ist nach der Kapitale Asuncion die zweitgrösste Stadt im Land und wird oft als gefährlicher Moloch oder schmutziges Nest charakterisiert. Doch mehr als die Hälfte des paraguayanischen Bruttosozialproduktes wird hier legal erzeugt und ein Mehrfaches davon im florierenden Schwarzhandel und Schmuggelwesen.

Wie dem auch sei, gelangt man über die dauerverstopfte Brücke der Freundschaft nach Ciudad del Este, hat man schon das Gefühl, dass einem ein anderer Wind entgegenweht. Solche Grenzen zu Fuss zu überqueren, das ist immer ein spezielle Erfahrung. Foz do Iguaçu und Puerto Iguazu sind verschlafene Nester, C’eleste pulsiert, liegt nicht nur am, sondern ist stets im Fluss, es herrscht ein Kommen und Gehen, die Stadt ist international. Vier Währungen werden akzeptiert: der US-Dollar, der paraguyanische Guarani, der brasilianische Real und der argentinische Peso. Ambulante Geldwechsler schwirren überall herum. Grosse Gemeinden von Libanesen, Iranern, Koreanern und Taiwanern leben in der Stadt. Paraguay ist wohl der bedeutendste der wenigen Staaten, die Taiwan (und nicht Festlandchina) anerkennen.

So trifft Udo am Grenzübergang prompt eine Taiwanerin, die wie er auf dem Weg zum Busterminal ist. Dort hat Udo mit seinem Gastgeber abgemacht, der überraschenderweise mit Schrammen im Gesicht und einem blauen Auge auftaucht. Was ist geschehen? Seine Ex-Freundin hatte einen Wutanfall. Paraguayer scheinen sehr stolz auf ihre Frauen zu sein. Kreuzt sich auf der Strasse der Weg zweier Männer mit demjenigen einer Frau, wird zwischen den Männern oft ein kurzes „linda, no?“ (schöne Frau) oder „lindo, no?“ (schöner Po) anstelle eines Grusses gewechselt.

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