Tamara Benz, Jahrgang 1983, ist in Davos geboren und aufgewachsen, ehe sie für sieben Jahre nach Brugg zog. Dann ging ihre Reise weiter: Seit kurzem lebt sie nun in China. Ihr Freund hat hier einen Job als Expat in der Stadt Xiamen bekommen. Und sie will die Möglichkeit nutzen, Land, Leute und die Sprache kennenzulernen. Hier im Blog wird Tamara ab sofort einmal im Monat über ihr Leben in China berichten.

Als mein Freund mir verkündete, dass er in Xiamen ein Jobangebot bekommen hat, war mein erster Gedanke: „Wo zum Teufel ist denn das?!“ Bei der Antwort „in China“ musste ich erst mal schlucken. Allein wäre ich nie auf die Idee gekommen, nach China zu gehen. Viel wusste ich nicht über dieses Land und die Kultur. Vieles, was ich darüber gehört hatte, klang für mich ziemlich fremd und etwas merkwürdig. Nachdem ich mich aber ein bisschen schlau über Xiamen gemacht hatte, ging es mir schon um einiges besser: Xiamen zählt zu den saubersten Städten in China, liegt im Südosten – und am Meer.


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Bei meiner Ankunft war ich erst einmal überwältigt von der Grösse der Stadt und den vielen hohen Wokenkratzern. Mit einer Bevölkerung von rund 2.5 Mio Einwohnern zählt die Stadt zwar eher zu den kleineren in China, aber wenn man – so wie ich – in einem knapp über 10’000 Einwohner zählenden Ort aufgewachsen ist, empfindet man Xiamen schon als riesig. Beeindruckt war ich auch von unserer Wohnung im 25. Stock. Tolle Aussicht!

Schon nach kurzer Zeit gefiel es mir sehr gut hier! Und eigentlich hatte ich mir China etwas anders vorgestellt: laut, schmutzig, viele Leute, die auf engem Raum zusammen leben… So war ich denn auch positiv überrascht von Xiamen. Wobei man sagen muss, dass die Stadt nicht wirklich als eine „autentisch chinesische“ Stadt bezeichnet werden kann und relativ „westlich“ ist. (Fotos zur Vergrösserung bitte anklicken!)

Was mir sehr gut an Xiamen gefällt, ist der Mix aus Stadt und Natur. Die Stadt hat viele Parks, Gartenanlagen, und nur etwa 15 Minuten ausserhalb des Zentrums befindet man sich schon mitten im Grünen. Das Zentrum Xiamens liegt auf einer Insel. Die Stadt wurde aber mittlerweile auch aufs Festland ausgeweitet.

An Sehenswürdigkeiten und kulturellen Schätzen hat Xiamen nicht so viel zu bieten wie andere chinesische Städte, bei einer Chinareise ist sie aber trotzdem einen Abstecher wert! Es gibt viele schöne grosse und kleine Tempel, Parkanlagen, einen botanischen Garten und sogar eine Gondelbahn, die über einen kleinen Hügel fährt. Natürlich haben wir sie schon ausprobiert. Welch ein Abenteuer! Während 20 Minuten geniesst man eine tolle Aussicht auf das Zentrum Xiamens auf der einen Seite des Hügels und auf die Xiamen-Universität und das Meer auf der anderen Seite. Zugegeben: Ganz geheuer war uns diese Fahrt aber nicht; die Gondeln waren doch zeimlich alt und die Anlage wohl eher nicht nach Schweizer Standard gewartet. So waren wir dann auch erleichtert, als wir wieder festen Boden unter unseren Füssen spürten. Nach einem kurzen Abstieg durch den Wald gelangt man dann zum Nanputuo Tempel, der grösste in Xiamen.

Nicht weit davon entfernt befindet sich die Xiamen-Universität. Momentan zählt sie zu den 15 besten Universitäten in China. Der Campus ist riesig und bietet nebst Unterrichtsgebäuden und Studentenappartments für chinesische auch eine grosse Abteilung für ausländische Studenten. Seit September zähle ich zu letzteren. Denn ich belege einen zweisemestrigen Chinesischkurs. Er macht Spass, aber einfach zu lernen, ist Chinesisch beim besten Willen nicht.

Eine weitere Touristenattraktion in Xiamen ist die kleine vorgelagerte Insel Gulangyu. Für umgerechnet gerade mal einen Franken gelangt man mit der Fähre in fünf Minuten auf die Insel. Sonntags kann man sich dort aber kaum bewegen, es wimmelt nur so von chinesischen Touristen. Und als „Langnase“, wie uns die Chinesen auch gerne nennen, zählt man auf Gulangyu für die Chinesen gerade mit zur Attraktion. So werden wir jedesmal, wenn es uns auf die Insel verschlägt, mindestens zehn Mal darum gebeten, für ein Foto zu posieren.
Die Insel hat viele kleine Spezialitätenläden und Cafés, einen kleinen Strand, ein Aquarium, Gärten, eine Statue und auch wieder eine Gondelbahn auf einen kleinen Hügel.

Ein weiteres Highlight ist der Frischmarkt nahe der Zhongshanlu, der bekannten und immer mit vielen Leuten beladenen Shoppingstrasse. Auf dem Markt findet man alles, was das Herz begehrt (und auch Dinge, die das Herz nicht begehrt!). Kleider, Spielzeuge, Gemüse, Früchte, jegliche Sorten lebendiger Fische und Meeresfrüchte, Frösche, Schildkröten, Schweins- und Rindsköpfe, lebendige Hühner, Enten, Gänse, Hasen und so fort. Als ich das erste mal durch diesen Markt schlenderte, musste ich mich schon zusammennehmen, um nicht wieder schreiend umzukehren. Der Geruch ist ziemlich eigen, und laut geht es zu und her.

Xiamen bietet unzählige Ausgehmöglichkeiten, gute Restaurants (chinesische und westliche), Bars und viele Geschäfte. Sehenswert ist auch das sogennante Künstlerviertel mit seinen vielen kleinen Cafés, die alle speziell designt und dekoriert sind. Dort gibt’s sogar ein Café in einem Tempel. Ich finde es recht speziell, in einem Tempel mit Musik einen Kaffee zu trinken oder eine Kleinigkeit zu essen.

Und dann ist da natürlich noch der Strand. Für einen Stadtstrand sehr sauber, vergleichbar mit europäischem Standard. Anders aber als an den Stränden in den meisten anderen Ländern hat hier der Badetourismus noch nicht Einzug gehalten. Er ist meistens ziemlich leer und wird höchstens von ein paar sich sonnenden „laowai“ (=Fremde) und wenigen, natürlich immer mit Sonnenschirmen, herumlaufenden Chinesen bevölkert. Sonst wird der Strand eigentlich nur noch von Hochzeitspaaren genutzt, die hier ihre Hochzeitsfotos schiessen. Die kommen dafür dann aber scharenweise. Ganze Busse mit Brautpaaren von überall aus China reisen an, um das schöne Strandmotiv zu nutzen. Natürlich heiraten die Paare nicht an diesem Tag. Die meisten schiessen die Fotos vor der Hochzeit und präsentieren sie dann am grossen Tag den Gästen.

An den Strassenverkehr hier in China muss man sich auch zuerst mal gewöhnen. Die von mir am häufigsten benutzten Transportmittel sind das Taxi und der öffentliche Bus. Taxis gibt’s (fast) immer und überall, und sie sind sehr günstig. Die meisten Taxifahrer rasen nur so durch die Stadt und kennen keine Grenzen, um ihre Kunden möglichst schnell ans Ziel zu bringen. Kommt ihnen ein anderes Fahrzeug (oder Fussgänger) in den Weg, wird erst mal kräftig gehupt, bevor dann vielleicht auch noch gebremst wird. Gehupt wird sowieso immer und oft auch grundlos. Jeder will natürlich Vortritt haben, und so kann es schon mal vorkommen, dass daraus ein Knäuel entsteht und es überhaubt kein Durchkommen mehr gibt. Sonst ist die Regel eigentlich simpel: Das grössere und stärkere Fahrzeug ist im Recht und hat Vortritt. Als Velofahrer und Fussgänger steht man in der Hierarchie ziemlich weit unten. So ist es denn auch nicht ganz einfach, eine Strasse zu überqueren. Fussgängerstreifen gibt’s zwar, aber ich glaube, die sind eher so zur Dekoration da. Am besten ist es, auf eine Lücke im Verkehr zu warten und sich dann irgendwie durchzuschlängeln. Klappt bei mir mittlerweile schon meistens ganz gut.

Häufig fahre ich auch mit dem Bus von A nach B. Der ist auch fast gratis. Für umgerechnet 15 Rappen kann man schon so eine halbe Stunde oder mehr im Bus sitzen. Immer wenn man einen Bus verlässt und einen neuen nimmt, zahlt man wieder. Einen Busfahrplan gibt es nicht. Die Busse sind einfach da, wenn sie da sind. Zum Glück fahren sie relativ häufig. Wenn man also mal einen verpasst, kommt bestimmt bald der nächste. Die Busfahrer sind aber noch wilder als die Taxifahrer. Da wird man manchmal schon ziemlich durchgeschüttelt und man muss sich gut fest halten, um nicht bei der nächsten Vollbremsung nach vorne geworfen zu werden.

Langweilig wurde es mir in Xiamen bisher jedenfalls nicht. Die Stadt ist sehr abwechslungsreich und sicher einen Besuch wert.

Alle Fotos: Tamara Benz

Tagged: Archive, China, Reisetipps & Insider

Kommentare

  • Ingo Gächter

    Have fun, Tamara! Ich habe von 2006 bis 2008 in China gelebt, und wir haben auch manche Top-Stories gebloggt. Vielleicht findest du hier ein paar Tipps für den Anfang, oder noch besser: Spass. Alles gute beim Chinesisch lernen, es ist gar nicht so schwierig, wie du meinst!
    http://giapa.gaechter.cc/index.php?id=345

    22. November 2011 at 07:54
  • Ursi Wächter

    Danke für den Bericht Ich freue mich bereits auf den nächsten. So kann ich mich auf die Sommerferien bereits jetzt einstellen.
    Liebe Grüsse

    6. Dezember 2011 at 18:03
  • Bea

    Hey Tamara
    Cool, weiter so! Freue mich schon auf den nächsten Blog!

    6. Dezember 2011 at 20:36
  • Moni

    Hallo Tamara
    Super Bericht ist sehr interessant. Vor allem der Teil mit den Hochzeitspaaren am Strand hat mir sehr gefallen;-)

    11. Dezember 2011 at 20:08

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