Mein Grossvater war der am weitesten gereiste Mensch, den ich je gekannt habe. Er trekkte mit 70 Jahren noch durch Madagaskar, ging mit 72 River-Raften in Alaska, erklomm mit 74 den Grossglockner (der höchste Berg Österreichs, 3798 M.ü.M.) und reiste mit 75 in die Antarktis. Auf all seinen Abenteuern begleitete ihn seine Filmkamera. Nach seiner Rückkehr schnitt und vertonte er das Material und lud seine Familie zum Film-Abend ein. Auch führte er Reisetagebuch. Eines davon ist mir vor kurzem in die Hände gefallen – und es ist einfach zu spannend, um es nicht mit euch zu teilen.

Das Tagebuch erzählt von einer dreiwöchigen Expedition Ende der 80er Jahre ins Hochland von Irian Jaya in West-Neuguinea. Mein Grossvater war 69 Jahre alt. Begleitet wurde er von meiner Mutter, meinem Onkel, meinem Grossonkel und weiteren Expeditionsteilnehmern sowie diversen einheimischen Führern und Trägern. (Fotos zur Vergrösserung bitte anklicken!)

Oben links: Der Autor des Reisetagebuchs, mein Opa. Bilder zwei bis sechs: Die Dani posieren stolz für jedes Bild. Alle Fotos: zvg.

Hier einige Ausschnitte aus seinem Tagebuch:

Wamena ist der Hauptort des Baliemtals. Dieses Tal und das schwer zugängliche zentrale Bergland Neuguineas sind das primäre Siedlungsgebiet der Dani. Es ist bis heute nicht näher erforscht, und die Bevölkerung ist weitgehend isoliert von der westlichen Zivilisation.

Wir sehen auf dem Flugplatz von Wamena die ersten Danis. Die Frauen tragen Baströckchen, die Männer das „übliche“ Kleidungsstück, den Penisköcher: Eine ausgehöhlte Kürbisfrucht, die in den verschiedensten Formen und Längen über den Penis gestülpt wird. Dieser Penisköcher, im Danidialekt Godeka genannt, wird mit einer dünnen Hanfschnur um die Hüfte und um den Hodensack aufrecht gehalten. Der Penisköcher ist Schutz und Ausdruck der Männlichkeit und jeder Dani ist ängstlich darauf bedacht, dass der Flaschenkürbis nicht beschädigt wird.

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Wir gehen auf Erkundigung durch den Ort Wamena und kommen zum Markt. Es ist der einducksvollste Markt von den vielen Märkten auf der ganzen Welt, die ich gesehen habe. Es sind abenteuerliche Gestalten, die hier herumlaufen. Die Eingeborenen, hauptsächlich Danis, sind freundlich, aber sehr neugierig. Beim Wechseln des Films meiner Videokamera stehen im Nu 30 Kinder und Erwachsene um mich herum.

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Wir schlagen unsere Zelte nahe einem kleinen Eingeborenendorf auf. Dann waschen wir uns in einem kalten Bach. Wir sind bald von den Dorfbewohnern regelrecht belagert. Sie interessieren sich für alles, was wir tun. H. feilt seine Nägel und hat 30 Zuschauer. Ich mache ein paar Polaroidfotos. Das ist das grösste Theater. Jeder will nun auf dem Foto sein und wenn möglich ein Foto haben. (…) Ich lasse die Leute in den Vergrösserungs-Rasierspiegel schauen und höre entsetztes Geschrei. Es vergeht eine halbe Stunde, bis jeder in den Spiegel gesehen hat.

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Wir gehen heute entlang dem Ost-Baliemtals. Eine sehr schöne, gebirgige Gegend. Wir steigen wieder ab auf 2100 Meter, zu einem kleinen Eingeborenendorf, bestehend aus vier Hütten. Wir stellen unsere Zelte mitten im „Dorfplatz“ auf. Beim Aufstellen der Zelte und beim Auspacken unserer Ausrüstung sehen selbstverständlich das ganze Dorf und auch viele Leute aus den Nachbarsdörfern zu. Das Nachrichtenwesen funktioniert hier in der Wildnis oft besser als bei unserer Bundespost.

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Der Schmuck eines Dani-Mannes interessiert mich besonders. Im Ohr einen unvollständigen Kugelschreiber, durch die Nasenscheidewand eine 20 Zentimeter lange Zugfeder, Durchmesser etwa einen Zentimeter, und um den Hals den Deckel einer Cola-Dose und sonstige, nicht identifizierbare Blechteile.

Am nächsten Morgen geht es weiter, durch den Dschungel, auf dem typischen Dschungelpfad, steil bergauf bis zum höchsten Punkt des Übergangs auf 3400 Metern. Während der Mittagsrast gehe ich auf Motivsuche zum Filmen. Ein paar seltene Blumen, ein eigenartiger Wald, fleischfressende Pflanzen. Plötzlich sind mehrere uns fremde Danis da, die uns begleiten. Sie machen auch auf Filmmotive aufmerksam, stellen sich jedoch sofort vor die Kamera – sie wollen auch im Bild sein. Es ist eine wilde, bizarre Landschaft hier oben.“

Das Reisetagebuch geht weiter: Im nächsten Teil geben die Dani zu Ehren der Gruppe ein Schweinefest.

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