Mein Grossvater war der am weitesten gereiste und abenteuerlustigste Mensch, den ich je gekannt habe – doch das habe ich euch bereits im ersten Teil dieser Serie erzählt. Vor kurzem ist mir eines seiner Reisetagebücher in die Hände gefallen. Es erzählt von einer dreiwöchigen Expedition Ende der 80er Jahre ins Hochland von Irian Jaya in West-Neuguinea.

Oben links: Der Autor des Reisetagebuchs, mein Opa. Alle Fotos: zvg.

Wenige Tage vor dem Ende der Expedition, während der die Gruppe an 15 Wandertagen 150 Kilometer und 6600 Höhenmeter durch den Dschungel und oft bei strömendem Regen bewältigt hatte, sind sie an ein Schweinefest in einem Eingeborenendorf der Dani eingeladen. Hier ein paar Ausschnitte aus der Niederschrift meines Opas:

„Das Tagesziel ist Kanubaga, das Dorf unseres Trägers Elli. Morgen soll das grosse Schweinefest stattfinden. Unsere Tourleitung kauft ein grösseres und zwei kleine Schweine. Hier mache ich eine Menge Polaroidfotos von unseren Trägern und ihren Familien. Man muss immer wieder ein paar Schritte zurückgehen, um alle auf das Bild zu bekommen, die innerhalb einer Minute vor der Kamera stehen. Ich teile meine letzten Geschenke aus. Spiegel, Feuerzeuge, Kugelschreiber, Halsketten.

Zum Waschen geht man gut fünf Minuten. Dann ist da ein kleiner Wasserfall, unter dem man gut duschen kann. Allerdings nicht ohne Zuseher.

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Heute ist das Schweinefest. Das grosse „Festschwein“ ist bereits im Dorf, zusammengeschnürt an einen Pfahl gebunden. Es ist buchstäblich ein „armes Schwein“. Dreimal konnte es sich befreien und davonlaufen. Es wurde jedoch jedes Mal wieder eingefangen. Schliesslich ist es soweit. Das Schwein, stundenlang an einen Pfahl geschnürt, wird weggetragen, Vom Tal herauf kommen die ersten wild aussehenden Gestalten, mit Schweinefett, Russ und sonstigen Farben beschmiert, bewaffnet mit Pfeil und Bogen und Speeren, mit Geschrei, zum Dorfplatz. Nach einigem Hin- und Zurückgerenne und immer wilder werdendem Gesang kommen auch von der gegenüberliegenden Dorfseite ebenso wild aussehende, bemalte und mit allen möglichen Gegenständen geschmückte Dani auf uns zu. Vorab tragen zwei besonders verwegen aussehende Gestalten das auf eine Stange gebundene Schwein.

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Inzwischen ist bereits der Holzstoss mit den Steinen angezündet worden. Nun stellen sich die Männer im Kreis um das Schwein auf. Auch die zwei kleinen Schweine werden herangebracht, und alle drei werden umständlich und feierlich durch Pfeilschüsse und mit Speeren getötet. Es ist eine grausame Zeremonie.

Die drei Schweine werden nun über einem zweiten, kleineren Feuer mit Stöcken enthaart, dann folgt das fachgerechte Ausnehmen. Die Kinder sehen interessiert zu, die Frauen haben Unmengen von Kartoffeln, Kraut und sonstigem Gemüse gebracht.

Nun werden zwei Kochgruben mit Farnen und Palmblättern ausgelegt, und mit den inzwischen heiss gewordenen Steinen bestückt. Gemüse, Kartoffeln, Krautköpfe werden hineingelegt, darüber wieder heisse Steine. Schicht für Schicht wird die Kochgrube gefüllt. Zuoberst kommen das Fleisch und die Innereien. Der Hügel ist nun etwa einen Meter hoch. Alles wird nochmals sorgfältig abgedeckt, mit Lianen umwunden und mit Steinen beschwert. Bald fängt der Haufen an zu dampfen.  (…) Nach etwa eineinhalb Stunden wird die Kochgrube geöffnet, der Inhalt verteilt. Gegessen wird von den Schweinen alles. Nicht das Geringste wird weggeworfen.“

Das waren die Highlights des Irian-Jaya-Reisetagebuchs meines Grossvaters. Wenige Tage, ein paar nicht aufgetauchte Flugzeuge und viele Zwischenlandungen später kam die Gruppe um meinen Grossvater in Singapur an, wo sie bei uns zuhause (wir lebten damals dort) noch einige Tage verbrachte. Hier lest ihr den ersten Teil der Tagebuch-Auszüge.

Tagged: Archive, Neuguinea, Reisetipps & Insider

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