Die Geschichte dieser Stadt lässt niemanden unberührt. Abfall, Heilige und was Neapel sonst noch besonders macht.

Die Hand Gottes

(Foto: Daniela Bühler)

Man möchte blutige Tränen weinen wie es der eine oder andere süditalienische Heilige tut, wenn man aktuelle Bilder aus Neapel sieht. Neapel war noch nie eine saubere Stadt. Aber so zugemüllt wie in den letzten Wochen war sie wahrscheinlich nicht einmal während der Pestzüge im Spätmittelalter.

2006 war die Situation vergleichsweise harmlos, auch wenn damals schon überall Güsel herumlag. Damals, im Juni, waren wir für ein paar Tage dort. In der Altstadt, wo die Touristen sind, gab es da und dort eine zerrissene Plastiktüte – und die üblichen Bierdosen und Becher. Weiter draussen aber schichteten sich entlang den Gleisen der Vorortszüge schon damals Güselsäcke zu hohen Mauern. Sogar an den Hängen des Vesuv lagen einzelne Kehrichtsäcke zwischen verlorenen Skulpturen, der Inhalt verstreut.

Wir gewöhnten uns an den Müll, wie man sich an einen chronischen Schmerz gewöhnt: Wir versuchten, ihn nicht zu beachten. Aber manchmal wurde er so schlimm, dass wir nicht anders konnten. Jedenfalls erinnere ich mich gut an dieses Gefühl von Leichtigkeit, als wir nach vier Tagen Neapel in Stromboli landeten und die Insel so sauber vorfanden, dass wir dort ohne zu zögern einen vom Cornet gekippten Gelato von der Strasse gelöffelt hätten.

Ganz anders war Neapel vor 100 Jahren. Damals warfen die Napoletaner ihren Abfall einfach in die Höhlen unter der Stadt, in Jahrtausende alte Grotten, die in der Antike der Wasserversorgung dienten. Während des Krieges hatte es aber ein Ende damit. Man brauchte Luftschutzkeller. Deshalb goss man Beton über den Müll und verkroch sich bei Fliegeralarm in die alten Kavernen. Heute sind sie sauber und eine Touristenattraktion (Eingänge finden sich an der Piazza San Gaetano und der via di Tribunli).

Ich würde wieder nach Napoli gehen, der Gegensätze wegen. Über den Müll von einem halben Jahr erheben sich dort zum Beispiel 1000 Jahre alte Kirchen. Und die Via Toledo ist die lebhafteste, jugendlichste Fussgängerzone, die ich je gesehen habe – wenn man jedoch von ihr in eine Seitengasse abbiegt, lauert plötzlich der Tod. Denn in den Gassen gibt es überall Mauernischen mit Bildern der Toten oder Heiligenbildchen.

In einer dieser Mauernischen (vor der Bar Nilo an der via San Biagio di Librai 120) prangt sogar ein Bild von Diego Armando Maradona, der Ende der Achtziger für den SSC Napoli Fussball gespielt hat. In der Nische wird auch eine Ampulle mit den Tränen aufbewahrt, die er vergoss, als Neapel 1987 italienischer Meister wurde.

Ja, die Heiligen, diese Untoten von Neapel. Man wundert sich, dass nicht längst einer von ihnen aufgewacht ist und die Stadt mit einer grossen Geste gereinigt hat, so dass nichts bleibt als Sauberkeit und der leise Geruch von modrigem Weihwasser.

Ja, ich würde wieder nach Neapel reisen – wenn auch vielleicht nicht gerade jetzt.

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