Das weihnachtliche New York ist ein Traum. Das Einkaufsgewühl an der 5th Avenue allerdings ein Albtraum. Zumindest für mich, die schon zu normalen Jahreszeiten volle Läden meidet und bereits nach einer halben Stunde shoppen die Geduld verliert.

crazy nyc shopping
Shoppende Massen in New York (Foto: Fabienne Hany)

Ja, untypisch für mein Geschlecht sind meine Shoppingnerven sehr dünn und leicht strapazierbar. Es sei denn, es handelt sich um einen Musik- oder Buchladen, wo ich völlig abtauchen und die Menschenmengen um mich herum vergessen kann. Nicht so an der 5th Avenue Mitte Dezember.

Eigentlich würde ich dort jetzt sowieso nicht hin, nachdem ich bereits einmal dort war, um die grossartig dekorierten Schaufenster zu bewundern. Doch da ich in den nächsten Tagen für zwei Wochen in die Schweiz reise, um mit Familie und Freunden Weihnachten zu feiern, hab ich noch ein paar Geschenkseinkäufe zu erledigen. Meine Geschenke für meine Liebsten führen mich zwar nicht an die 5th Avenue. Aber die Wunschliste meiner Liebsten. Zum Beispiel die meiner Cousine. Die mich gebeten hat, bei „Abercrombie & Fitch“ ein paar Sachen zu besorgen. Ein Kleiderladen einer amerikanischen Topmarke, der genau im grössten Gewimmel an der 5th Avenue liegt, umgeben von Chanel, Fendi, Hugo Boss und all den Luxusgeschäften. Vor zwei Tagen hab ich schon mal einen Versuch gemacht, die Kleider meiner Cousine zu kaufen, aber da war eine wahnsinnslange Schlange vor dem Laden, und ich konnte nur müde lächeln und hab sofort rechts und kehrt gemacht.

Heute hab ich mich nochmals aufgerafft und mich erst durch die unglaublichen Menschenmengen an der 5th Avenue gequetscht; vorwiegend Touristen, schwer bepackt mit Einkaufstaschen, in Pelz und mit aufgespritzen Lippen, Familien mit kreischenden Kindern. Mein Mut begann bereits zu sinken. Bei „Abercrombie & Fitch“ hab ich mich durch den Eingang gezwängt, leicht irritiert an einem lebendigen männlichen Model vorbei, eine lächelnde Dekoration – mit nacktem gestähltem Oberkörper unter der offenen Winterjacke.

Drinnen angelangt ist mir schon nach Sekunden der Schweiss ausgebrochen. Der Laden war zum Bersten vollgestopft, die Musik ohrenbetäubend laut, das Parfum der blonden Kundinnen mit den aufgespritzten Lippen übelkeitserregend süss. Schwitzend und keuchend bin ich umhergeirrt und hab versucht, in den zigtausend Regalen die gewünschten Pullover für meine Cousine auszumachen. Irgendwann hab ich eine nett aussehende Verkäuferin um Rat gefragt – ich musste sie anschreien, weil die Musik so laut war, und hab sogleich gemerkt, wie ich brennend rot angelaufen bin vor Anstrengung und Hitze und hab versucht, trotzdem freundlich zu lächeln. Für die eisige Kälte draussen perfekt, aber für dieses Gedränge im Wahnsinnsladen war meine dicke Jacke die reinste Tortur.

Irgendwann hatte ich meine Sachen zusammen, bin zur Kasse gestürmt und anschliessend förmlich aus dem Laden gerannt, ohne auf die Parfümblondinen zu achten, die ich dabei links und rechts von mir angestossen und weggeschubst habe. Schwer atmend bin ich dann wieder auf der Strasse gestanden, wo mich zwar gleich beinahe die nächste Menschenmasse umgestossen hätte, aber immerhin gabs frische Luft (vom Verkehrsgestank abgesehen). Und ich hab mich schnellstmöglich in eine ruhigere Seitenstrasse gerettet, in ein Café, in dem ich mich erleichtert auf einen Stuhl plumpsen liess und meine gute Laune mit einem heissen Kaffee wieder herstellen konnte. Weihnachtliches New York hurra, 5th-Avenue-Shopping nein danke…

Tagged: Archive, Reisetipps & Insider, USA

Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Ihre Email Adresse wird nicht veröffentlicht

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>
*