Seit ich den Film „Sieben Jahre in Tibet“ gesehen habe, war es mein Traum, einmal an diesen Ort zu reisen. Er hatte für mich immer etwas Mystisches und Unerreichbares an sich. Doch so unerreichbar ist Lhasa ja heute nicht mehr. Schon gar nicht, wenn man, wie ich, in China lebt. Nach ein paar Flugstunden ist man schon in dieser sagenumwobenen Stadt.
Bei der Ankunft spürten wir deutlich, dass wir uns auf ca. 3600 Meter über Meer befinden: Die Luft ist dünner, das Atmen fällt einem schwerer, auch die Temperatur ist markant niedriger. Ich fühlte mich aber sofort heimisch, da mich das Klima ein wenig an jenes der Schweizer Berge erinnerte.

In der tibetischen Sprache bedeutet Lhasa „das Land der Götter“ oder „Heiliger Platz“. Kein Wunder, dass man überall Buddha-Statuen, Tempel, Gebetstücher und zahlreiche Pilger sieht. (Fotos zur Vergrösserung bitte anklicken.)

Am ersten Nachmittag gönnten wir uns eine erholsame Blinden-Massage. Diese gibt es in Lhasa fast an jeder Ecke. Die Masseure sind blinde Leute, die speziell ausgebildet wurden. Mir gefiel diese Art Massage sehr gut; verglichen mit normalen chinesischen Massagen wird mit mehr Gefühl massiert.
Am Abend fanden wir eine lauschige Bar, die (von uns abgesehen) nur von Tibetern besucht wurde, welche heiter zum Klang tibetischer Rock- und Popmusik sangen.

Sehenswürdigkeiten in Lhasa

In unserer Unterkunft, dem 3-Sterne Hotel „Jin Bo“, gab es nur chinesisches Frühstück. Da uns Reisbrei und Gemüse zum Tagesbeginn nicht so behagt, schlossen wir ein wenig hungrig mit unserem Reiseleiter Bekanntschaft. Er führte uns zu den atemberaubendsten Sehenswürdigkeiten.

Der Jokhang-Tempel
Zunächst besichtigten wir den Jokhang-Tempel, dem heiligsten Tempel aller Tibeter. Dieser wurde im 7. Jahrhundert erbaut und war ursprünglich der Schrein einer Buddha-Statue. Das tibetische Wort für „Buddha“ lautet „Jobo“; es gab dem Tempel den Namen: Jokhang heisst „Halle des Jobo Buddha“. In der Mitte des Tempels befindet sich ein grosser offener Hof und um ihn herum die vier heiligsten Hallen. Die Jobo-Statue ist reich verziert mit Gold, Edelsteinen und den für Tibet typischen Seidenschleifen.
Der Geruch von Yakbutterfett liegt in der Luft. Lampen und Räucherstäbchen werden hier bündelweise abgebrannt. Der Boden ist wergen der Fetttropfen ziemlich glatt, man fühlt sich ein bisschen wie auf einer Eisbahn. Die Gläubigen umrunden das Innere des Tempels im Uhrzeigersinn und betreten nacheinander jede einzelne Kapelle, um ihre Opfergaben darzubringen.
Vom Dach des Tempels hat man einen wunderschönen Blick auf den Potala-Palast sowie auf die Barkhor Strasse, dem heiligen Ritualweg, der rund um den Tempel führt. Dieser Weg wird täglich von tausenden Pilgern begangen. Dabei werfen sie sich mehrmals der Länge nach auf den Boden. Auch vor dem Tempel befinden sich zahlreiche Pilger, die dieses Ritual ausführen.

Der Potala-Palast
Und endlich sahen wir ihn in voller Grösse: den berühmten Potala-Palast, das Wahrzeichen Tibets! Schon von weitem beeindruckt er mit seiner Mächtigkeit. Majestätisch thront er auf dem roten Berg. 1645 wurde er erbaut. Seither wurde und wird er als Verwaltungszentrum, Regierungssitz, Kloster, Festung sowie Residenz der Dalai Lamas genutzt.
Im Roten Palast befinden sich die Privatgemächer des Dalai Lama, grosse Zeremonie- und Meditationshallen sowie 35 kleinere Kapellen. Dieser Teil dient auch als letzte Ruhestätte für mehrere Dalai Lamas. Die unterschiedlich grossen Grabstätten bestehen aus juwelenbestückten, vergoldeten Stupas.
Um das Innere dieses imposanten Bauwerkes zu betrachten, war erst mal Treppensteigen angesagt. Anstrengend in dieser Höhe! Nach jedem zehnten Tritt mussten wir wieder eine kleine Verschnaufpause einlegen. Die Anstrengung hat sich aber gelohnt: Die unzähligen Räumlichkeiten sind bemerkenswert und die Geschichten der Buddhas und Lamas extrem spannend! Leider konnte ich mir von diesen vielleicht grad mal einen Zehntel merken. Ich war beeindruckt von unserem Reiseleiter, der den Namen und die Geschichte eines jeden Buddhas einfach so aus dem Ärmel schüttelte.

Zum Mittagessen verschlug es uns ins Restaurant „Tashi“. Das in tibetischem Stil eingerichtete Restaurant ist bekannt für seine „Bobi“. Die mit gegrilltem Gemüse, Fleisch und Saucen selbst gefüllten Tortillas schmecken ausgezeichnet! Dazu passt ein stärkendes „Gerstenbier“, dessen, wenn auch niedrigen Alkoholgehalt wir wegen der Höhe schnell spürten. Was man in Lhasa übrigens unbedingt probiert haben muss, sind die verschiedenen Yak-Spezialitäten: Yak-Butter, Yak-Momos (mit Yak-Käse oder Yak-Fleisch gefüllte Teigtaschen), Yak-Buttertee (schmeckte mir gar nicht, soll aber gegen Höhenkrankheit wirken) und natürlich Yak-Steak.

Die Barkhor-Strasse
Am Nachmittag besichtigten wir die Barkhor-Strasse. Ausser den Pilgern hat es dort auch zahlreiche Marktstände und Läden. Die meisten von ihnen bieten Gebeträder, langärmelige Chubas (traditionell tibetische Kleidung), tibetische Messer und sonstige religiöse Artikel zum Verkauf an. Aber auch Schmuck ist in Hülle und Fülle vorhanden. Ausserdem findet man dort Thangka, das sind tibetische Schriftrollen mit Malerei.

Norbulingka
Am nächsten Tag besichtigten wir Norbulingka, die Sommerresidenz der Dalai Lamas. Die für die Öffentlichkeit zugänglichen Gebäude sind unter anderem der Palast des 13. Dalai Lamas sowie der 1956 neu errichtete Sommerpalast, welcher der 14. Dalai Lama (der heutige) 1959 verlassen musste, um ins Exil zu gehen. Sehenswert ist der Audienzraum, ein Vorzimmer, die Meditationskammer, das Schlafzimmer und die Empfangshalle mit dem prunkhaft verzierten und vergoldeten Thron. Ebenfalls einen Besuch lohnen die Gemächer der Mutter des Dalai, wo sich westliche Gegenstände wie z.B. ein Radio mit den religiösen Wandmalereien und traditionellen Thangkas treffen.

Das Kloster Sera
Der nächste Besuch galt dem Kloster Sera. Es liegt unterhalb einer Einsiedelei, die der Dalai Lama viele Jahre lang als Rückzugsort nutzte. Pilger umrunden den Komplex im Uhrzeigersinn und besuchen dabei drei grossen Fakultäten sowie die Hauptversammlungshalle. Alle Gebäude sind so konstruiert, dass Kapellen von einer zentralen Halle abzweigen.
Auf einem Hügel befindet sich das spektakulärste Gebäude der Anlage, eine 1710 erbaute und von über 100 Säulen gestützte Halle. Etwas höher liegt der „Disputationshof“. Jeden Nachmittag versammeln sich dort die Mönche und messen sich jeweils zu zweit angeregt in philosophischen Streitgesprächen. Der Stehende ist der Fragende, der Sitzende der Antwortende. Begleitet werden diese Gespräche von grossen Gesten, Beifallserkundungen und Aufstampfen. Dabei sieht es so aus, als wolle der Fragende dem Antwortenden eine Ohrfeige geben. Dieser rührt sich aber keinen Zentimeter sondern beantwortet nur geduldig die Fragen. Das Ganze wirkte auf mich ziemlich aggressiv und trotzdem faszinierend. Sehr aussergewöhnlich!

Das Shoton-Fest

Während unseres Lhasa-Aufenthalts liefen bereits die Vorbereitungen zum Shoton-Fest, auch „Joghurt-Fest“ genannt. Es wird jedes Jahr im August begangen und ist eines der bekanntesten traditionellen Feierlichkeiten in Tibet. Shoton hat – wie könnte es anders sein in Tibet – einen religiösen Ursprung: Der Monat Juni im tibetischen Kalender war den Mönchen für Meditation und Selbstbildung vorbehalten. Sie durften die Monasterien nicht verlassen, bis sie am 1. Juli von den Anwohnern Joghurt offeriert bekamen. „Sho“ bedeutet in tibetischer Sprache Joghurt.
Auch heute noch gehen die Buddhisten in die Berge zum Meditieren. Am Ende der Meditationsperiode treffen sie ihre Familienmitglieder in den Bergen. Auf dem Weg zurück nach Hause trinken sie Joghurt, singen und tanzen. Doch auch in den Strassen, auf Plätzen und in den Monasterien wird gefeiert. Der Hauptteil der Festlichkeiten spielt sich allerdings in Norbulingka ab. Nebst religiösen Aktivitäten, dem Verspeisen von Joghurt und der Aufführungen von tibetischen Opern gehören heute auch Yak- und Pferderennen sowie traditionelle Tänze zu den Festlichkeiten.

Die höchste Bahnstrecke der Welt

Ein weiteres Highlight unseres kurzen Tibet-Aufenthalts war eine 24-stündige Zugfahrt von Lhasa nach Xining. Die Tibet-Eisenbahn ist die höchste Bahnstrecke der Welt und führt durchs tibetische Hochland entlang des Qinghai Highways. Gleich am Anfang muss man ein Formular über sein gesundheitliches Befinden ausfüllen. Es gibt auch überall Anschlüsse für Sauerstoffmasken, jedoch glaube ich, dass der Zug selbst schon mit Sauerstoff versehen ist, da ich von der Höhe (über 5000 m über Meer) nichts zu spüren vermochte.
Wir fuhren regelrecht durchs Niemandsland: ausser einer Steinwüste, ein paar Yak-Herden und zwischendurch wieder einmal einem See oder einem Schneeberg sahen wir nicht sehr viel. Trotzdem empfand ich die Zugreise als extrem beeindruckend. Vor allem das Lichtspiel der Sonne auf der kargen Landschaft war zauberhaft. Während dieser Fahrt stellten wir auch unseren persönlichen Höhenrekord auf: 5062 Meter. Aussteigen konnten wir zwar nicht, aber dafür gelang es uns, das Schild mit der Höhenmarkierung im Vorbeifahren abzulichten.

In China kann man ein Zugticket erst circa zehn Tage vor Abreise buchen. Wenn man dann nicht schnell genug ist, sind die besten Plätze bereits vergeben. So war dann der Zug auch zum Bersten gefüllt und das Viererabteil, welches wir ursprünglich bei der Agentur reserviert hatten, schon ausgebucht. Wir mussten mit einem Sechserschlafabteil Vorlieb nehmen. Das oberste Bett dieses Abteils ist schon ziemlich nahe an der Decke und für Leute mit Klaustrophobie wohl nicht sehr geeignet. Trotzdem konnten wir erstaunlich gut mit dem leichten Hin und Her des Zuges schlafen. Vielleicht lag es aber auch daran, dass wir am Abend von zahlreichen mitreisenden Chinesen zu einem Gläschen Baijiu eingeladen wurden.

Die Autorin: Tamara Benz, Jahrgang 1983, ist in Davos geboren und aufgewachsen, ehe sie für sieben Jahre nach Brugg zog. Dann ging ihre Reise weiter: Seit kurzem lebt sie nun in China. Ihr Freund hat hier einen Job als Expat in der Stadt Xiamen bekommen. Und sie will die Möglichkeit nutzen, Land, Leute und die Sprache kennenzulernen. Hier im Blog berichtet Tamara regelmässig über ihr Leben in Asien.

Tagged: Archive, China, Reisetipps & Insider, Tibet

Kommentare

  • Heidi Benz

    Gut, hast du uns darauf aufmerksam gemacht, dass du einen neuen Bericht geschrieben hast. Ich lese deine Berichte mit großem Interesse und finde sie spannend. Freue mich auf den Ferienbericht von den Philipinen.
    Machets witerhin guot im ferne Oschte!
    Liebi grüess M&P

    14. Februar 2012 at 17:13

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