Auf die nächste Wanderung (hier lest ihr, was wir bisher auf den Lofoten erlebt haben) freuen wir uns besonders, denn sie wird im Wanderführer mit „Strände von karibischer Schönheit“ beschrieben. Der Weg zu diesen Stränden lässt uns allerdings beinahe verzweifeln. Wir parken unser Auto bei Marka auf der Insel Moskenesoya und wandern los. Zuerst über sumpfiges Gebiet und weichen Boden in ein Tal mit dem Markavatnet hinein.


Anfang der Wanderung im Tal des Markavatnet.

Danach wird es beschwerlich: Wir müssen uns durch einen mannshohen Erlen- und Birkenwald kämpfen – für grosse Menschen ungeeignet: Ab und an müssen wir uns bücken, um zwischen den Ästen hindurchzukommen. Wer beweglich und gelenkig ist, dem macht das Spass. Es empfiehlt sich, dem Vordermann nicht zu nahe zu folgen – ausser man möchte ein Gesichtspeeling der anderen Art, bestehend aus Ästen, die einem ins Gesicht klatschen.

Unsere an den Rücksäcken befestigten Wanderstöcke sind bei dieser Passage keine Hilfe – sie halten uns eher vom Weitergehen ab, weil sie sich in den Ästen einhacken und uns so teilweise fast nach hinten umwerfen. Wenigstens hat es einen Weg, welcher später aber leider verschwindet. Und so fängt das Abenteuer erst richtig an: Wir klettern an einem Hang über grosse Steine, daneben stehen Sträucher – oder auch gleich davor. Wegen dem vielen, fast mannshohen Farn wissen wir nie genau, ob die Stelle, wo wir unseren Fuss aufzusetzen gedenken, nachgeben wird oder nicht. Irgendwann entdecken wir wieder einen Pfad von Schafen, ab dem schwierigen Teilstück, das so gar nicht im Reiseführer steht. Hat ein Wachstumsschub die Sträucher seit der Publikation im Jahre 2007 erfasst?


Sicht auf die anstrengende Passage: Wer findet einen „Weg“?

Für die erste Strecke von circa zwei Kilometern benötigen wir fast 1¾ Stunden anstelle der angegebenen Stunde. Bei Regen marschieren wir weiter gegen das Nordmeer, wo wir nach 90 Minuten einen weissen Sandstrand entdecken. Es wäre traumhaft – wären da nicht dieser Regen und die Berge von angeschwemmtem Kunststoffabfall. Zusammengekauert unter dem Regenschirm verdrücken wir in kurzer Zeit unsere Sandwiches am Strand und wandern weiter. Die Schönheit der „karibischen Strände“ blieb uns verwehrt.

Und dann ist sie da, die Stelle, welche uns schaudern lies: Die beiden Strände sind durch grosse Felsen getrennt – ausgewaschen und natürlich nass und äusserst rutschig.Ganz vorsichtig setzen wir auf den glitschigen Steinen einen Fuss vor den anderen. Stellenweise gibt es eine Seilsicherung. Bis diese dann unter einem grossen Felsen verschwindet. Hier müssen wir uns rittlings abseilen, ohne zu wissen, wie tief es denn eigentlich hinunter geht: Einen Meter oder doch eher zwei? Da der Felsen überhängend ist, ist dies schwierig abzuschätzen. Irgendwie überstehen wir die Passage aber ohne Schrammen.
Der nächste Fels ist sehr gross, flach, etwas abfallend und glitschig. Bei aufrechtem Gang, wie sich zivilisierte, dem Kindesalter entwachsene Menschen bevorzugt bewegen, wäre eine Bekanntschaft mit dem harten Stein unausweichlich gewesen. Also auf allen Vieren? Nein, wir haben eine bessere Idee: Auf dem Hintern rutschen wir dem sicheren Boden entgegen. Glücklicherweise halten die Hosen.


Die weissen Sandstrände mit dem Nordmeer.

Ideales Filmgelände für Herr der Ringe

Nach dem zweiten Strand geht es einen steilen Hang hinauf. Er ist so steil, dass wir uns an den Grassbüscheln festhalten müssen. Auf Zickzack-Wege haben wir wegen des Regens keine Lust. Mit den grossen Pellerinen, die gleichzeitig die Rucksäcke bedecken, krackseln wir hinauf. Wir sehen dabei wahrscheinlich so aus wie das schizophrene Wesen „Gollum“ von „Der Herr der Ringe“.
Wir werfen einen letzten Blick zurück zum zweiten Sandstrand und wandern über eine flache Hochebene dem Selfjorden entgegen. Noch einmal müssen wir uns über grosse Steine mit halbhohen Birken und Erlen den Weg hinunter bahnen. Bei allen darauffolgenden Wanderungen schrillen bei uns die Alarmglocken, sobald im Reiseführer etwas von Birken- oder Erlendickichten steht! Doch die Landschaft ist so fantastisch und entschädigt für alles.

Blick zurück, wo eben noch die Strände sichtbar waren.


Ausläufer des Erlen- und Birkendickichts vor dem Selfjorden.

Alle Bilder stammen von Jeanine Tröhler, die hier als Gastautorin in vier Teilen von ihrer Norwegen-Reise berichtet.

Tagged: Archive, Norwegen, Reisetipps & Insider

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