Westminster im Regen

(Foto: Daniela Bühler)

Es geschah in London, und zwar in Westminster, dem Parlamentsgebäude genau gegenüber. Der Big Ben schlug gerade die volle Stunde. Ich war unaufmerksam gewesen und wollte auf meiner Armbanduhr nachsehen, ob er vier oder fünf Uhr geschlagen hatte. Als ich den Arm hob, merkte ich, dass ich die Uhr verloren hatte.

Nun ist das politische Herz des Vereinigten Königreichs ein hektischer Ort. Da hasten wichtige Leute in Anzügen über die Strassen, da bummeln Touristen und Schulklassen, Zeitungs- und Flyerverteiler stehen herum. Dazu herrscht Verkehrslärm, und ausserdem regnete es. Doch mein Schreckensschrei war so laut, dass nicht nur meine Begleiterin herumfuhr. Ich liebte eben meine Uhr. Sie war ein Geschenk meiner Eltern zu einem runden Geburtstag gewesen. Ein elegantes und doch solides Stück. Nur der Verschluss war allzu locker. Irgendwo auf unserem langen Spaziergang musste er aufgegangen sein.

Buckingham Palace, auch im Regen

(Foto: Sibylle Hurschler)

Wir waren von unserem Hotel in Paddington durch die Parks im Herzen von London gekommen: durch den Hyde Park mit seinen unzähligen, wohlgenährten Eichhörnchen. Wir hatten am Ende der Serpentine Kaffee getrunken und ein Brownie gegessen. Hatten am Rande des Green Park Kriegsdenkmäler bestaunt und vor dem Buckingham Palace die Palastwachen mit den furchterregenden Gewehren. Dann hatten wir im St. James‘ Park die ersten blühenden Bäume fotografiert. Und die ersten Bluebells, diese glockenförmigen Blümchen, die im Frühjahr die Waldböden von Südengland unter dunkelblauen Wolken versenken. Und die unvermeidlichen Osterglocken, die hier so zahlreich sind, dass sie auch schon Dichter inspiriert haben. Ein Spaziergang von fast einer Stunde. Wie sollte ich auf dieser Strecke meine Uhr wieder finden?

Ich ging zurück bis zu den Osterglocken im St. James‘ Park. Meine Uhr fand ich nicht, und weiter konnte ich nicht zurück. Sonst hätten wir unsere ganzen Pläne für den Rest des Tages über den Haufen werfen müssen. Wieder beim Big Ben fragte ich zwei Polizisten um Rat. Sie waren ganz Freund und Helfer und sagten, ich solle den Polizeiposten von St. James‘ Park aufsuchen. Der Posten liege an der Südostecke des Parks und sei rund um die Uhr geöffnet.

Ich bedankte mich. Dann gingen wir zunächst in die andere Richtung, überquerten wir die Themse und bestiegen eine Kabine im London Eye, einem gigantischen Riesenrad, das einen phantastischen Blick auf die Themsestadt ermöglicht. Von dort betrachteten wir zum Trost den Big Ben aus der Ferne. Den Polizeiposten von St. James‘ Park suchten wir erst am nächsten Morgen auf. Natürlich war er geschlossen. Vor der Tür gab es aber ein Telefon, von dem aus man ohne viele Umstände eine Polizeistelle anrufen konnte. Was ich dann tat – nur um eine weitere Telefonnummer zu bekommen: jene des Büros für Lost Property. Dort bekam ich allerdings nur einen Telefonbeantworter.

Dafür sahen wir am anderen Ende des Parks un plötzlich Reiter mit roten Mänteln. „Die Horse Guards!“ rief meine Begleiterin und hastete hinterher. Ich auch. So wurden wir dank einer verlorenen Uhr Zeugen der Wachablösung der Horse Guard. Nicht ganz so berühmt wie jene der Fusssoldaten mit den hohen Mützen, aber… quand même! Wobei… ich weiss nicht, ob mir das Spektakel den Verlust einer Uhr wert war. Ich meine: Das Ganze sieht zwar malerisch aus und gilt als touristisches MUST. Aber es ist auch ein Ritual, das mir reichlich überkommen erscheint. Da stehen diese Pferdewächter in fast zen-mässiger Stille sicher eine Viertelstunde lang auf ihrem Platz und gehen dann theatral auf wohl während Jahrhunderten geübte Weise ab. Ich frage mich, was passieren würde, wenn diese Wachen einmal mitten in der Zeremonie wirklich gebraucht würden!

Horse Guards

(Foto: Daniela Bühler)

Aber item. Später am selben Tag erreichte ich endlich den Herrn vom Büro für Lost Property. Wieder ein echter Freund und Helfer! Er werde sich um die Sache kümmern, versprach er. Tatsächlich: Am nächsten Tag überreichte bekam ich an der Réception unseres Hotels ein Couvert mit dem Logo der Metropolitan Police überreicht. Darin befand sich ein Formular, das den Verlust meiner Uhr bestätigt. Für die Versicherung. Seither habe ich nichts mehr von der Metropolitan Police gehört.

Die Route

Naja. London ist eine Millionenstadt. Zu viel verlangt, dort eine verlorene Uhr wiederzufinden. Ich grämte mich noch eine Weile. Dann hoffte ich, dass ein pennyloser Penner sie gefunden hat und etwas damit anfangen kann und kaufte an der Oxford Street eine Neue.

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