Im Zentrum des Landes gelegen, hat die Hauptstadt Madrid Spanien seit langem kulturell dominiert. Und nun hat mit Fernando Torres ein Madrileno dem Land die Europameisterschaft gesichert.

Es ist zehn Jahre her seit ich Manuel zum ersten Mal in St. Petersburg am „internationalen Kongress der Strassenzeitungen“ traf. Der 25-Jährige hatte damals drei Jobs, zwei Kinder und eine kleine Wohnung in Madrid, die einigermassen zentral gelegen war. „Es hat sich alles schnell verändert, plötzlich hattest du viel mehr Chancen etwas zu machen.“

Am Ende der Franco-Ära freuten sich die jungen Leute auf eine Ausbildung, auf neue Perspektiven und Spanien war gerade der EU beigetreten. In der Hauptstadt Madrid, neben London und Paris, mit sechs Millionen Einwohnern in der Umgebung eine der grössten Metropolen Europas spüren dies die Madrilenos mit allen Vor- und Nachteilen. „Es ist fast unmöglich eine bezahlbare Wohnung zu finden, die nicht sehr weit ausserhalb in einem Vorort liegt.“

Anders als vor zehn Jahren ärgert sich der weltoffene Familienvater Manuel heute ein bisschen über die Hotels, die überall gebaut werden und die, was Gastfreundschaft angeht, für ein beinahe unermesslich vielfältiges Angebot sorgen. Vom Designhotel bis zum Backpackers ist in Madrid alles vorhanden.

Guernica

(Foto: Keystone AP / Bernat Armangue)

„Ich war schon seit Jahren nicht mehr im Prado, der Eintritt ist mir zu teuer.“ Viele Madrilenos kennen Picassos epochales „Guernica“ ebenfalls nur aus Büchern oder aus der Zeitung. Aber natürlich findet man im Prado auch die düsteren Werke des Malers Goya, die den Wahnsinn zwischen Religion und Psychologie aufzeigen. Manuel verdient als Marketingassistent nicht schlecht, doch das Leben in der Metropole ist teuer, angepasst an das Niveau internationaler Dienstleistungen. Aber obwohl wir noch immer auf dem kleinen Balkon seiner ursprünglichen Wein (weiss Gott woher, aber er treibt immer den besten spanischen Wein auf) trinken und rauchen, ist die Lebensqualität in Madrid mit seinen unzähligen Parks und den gastfreundlichen und nur schwer aus der Ruhe zu bringenden Einwohnern sehr hoch.

„Wir Spanier, wir sind stolz, wir täuschen uns aber gerne ein bisschen selbst!“, erklärt Manuel: „Es gibt hier noch immer viele ungelöste soziale Probleme, viele sagen, es liege an den vielen Einwanderern, aber es liegt daran, dass die Menschen keine Chancen erhalten.“ Gerade bei den Fussballspielen sähe er Tendenzen zur Gewalt. Zwar gelten spanische Fans im europäischen Vergleich als eher ruhig, aber gerade bei den Stadtderbys fehle nicht viel und die Bombe gehe hoch. „Es kommt mir vor wie Krieg“, sagt er, der „selbstverständlich“ Atlético hilft. Real sei einfach zu arrogant.

Flughafen Barajas

Für Besucher und Touristen bleiben soziale Spannungen im Vergleich zur Situation vor zehn Jahren mehr oder weniger im Verborgenen. Die früher omnipräsenten Bettler sind fast verschwunden. Fest steht, dass der Flughafen Baraja praktisch jedes Mal grösser geworden ist, oder die Reise nach Sevilla inzwischen mit einem klimatisierten Hochgeschwindigkeitszug möglich ist. Bleibt einen die Calle Huerta, wo im „goldenen Zeitalter“ die grossen spanischen Schriftsteller geschrieben haben und man bekommt ein bisschen eine Ahnung, wie schnell der Aufbruch stattgefunden hat. Und auch die Stierkämpfe, die noch heute den heiligen St. Isidor feiern, bleiben ein Stück spanischer Identität, auch wenn Manuel mit den Achseln zuckt: „Ich persönlich habe es nie ganz verstanden.“ Bezeichnend ist auch: „Unsere Väter haben früher nie daran gedacht zu verreisen, zu schauen, wie etwas woanders gemacht wird. Das ist schon eine Veränderung.“

Nützliche Links:
insidemadrid.de
multimadrid.com

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