Unter dem Titel „Alle hierbleiben!“ versucht Martin Helg in der NZZ, die Folgen der teurer werdenden Mobilität auf unser Leben zu beschreiben. Daneben – so scheint es – kann er es sich nicht verkneifen, sich über die Billigflieger lustig zu machen, die bald wieder daheim bleiben müssen. Erstmals seit der Erfindung der Eisenbahn werde die Moblität wieder teurer. Und: wenn die Prognosen der Mobilitäts-Forscher stimmen, so gingen vor allem die „Just-for-Fun-Reisen“ zurück.

Na ja, da hat Udo Habermann nochmal Glück gehabt, wenn seine Geschäftreisen nicht betroffen sein werden. Auf der andern Seite muss man kein Forscher sein, um behaupten zu können, dass die Just-for-Fun-Reisenden die ersten Leidtragenden sein werden. Udo liegt im Nachtzug von Kolding nach Basel und kann es sich seinerseits nicht verkneifen, seine Meinung zum Thema preiszugeben.

Das Billigfliegen hat sich irgendwie gleichzeitig mit der Mobiltelefonie entwickelt. Beide Entwicklungen förderten sich gegenseitig. Aber auch einzeln sind sie sich ähnlich. Als die Mobiltelefonie noch nicht existierte, hatten die wenigsten das Bedürfnis, dauernd zu kommunizieren. Als das Billigfliegen noch nicht existierte, hatten die wenigsten das Bedürfnis, für kurze Zeit irgendwohin zu fliegen. Und für Reisende in der Prä-Internet- und Prä-Mobiltelefonie-Zeit war einminütiger long distance Call oder ein Fax das höchste aller Gefühle. Kommunikation war mit Ausnahme der poste restante bloss in eine Richtung möglich.

Nicht nur dank den billigeren Preisen, sondern auch dank der Mobiltelefonie und dem Internet hat das Reisen zugenommen – auch dank online-Anbieteren wie ebookers 😉 Man fühlt sich im (fernen) Ausland nicht mehr alleine. Und die Daheimgebliebenen sind ganz nah. Die Distanz ist auf die paar Sekunden zusammengeschrumpft, die es für den Rufaufbau oder das SMS-Senden braucht. Früher haben viele Eltern ihre Kinder gar nicht reisen lassen. Und viele hätten sich auch nicht getraut, zu gehen. Was kann heute noch passieren? Im Optimalfall hat man gut ausgerüstet sogar die jeweilige Stadtkarte auf seinem Handy dabei und sieht dank GPS immer, wo man sich gerade befindet.

Helg sagt voraus, dass die Masse der Freizeitausflügler, die sich vor 20 Jahren noch kaum einen Ferienflug leisten konnte, auch als erste wieder aus den Flughäfen getrieben werde. Dieser Behauptung stimme ich nur teilweise zu. Das Geld spielt sicher eine Rolle, aber auch Gefühle. Viele, die nie weit gereist sind, haben es sich dank den billigen Preisen nicht nur leisten können, sondern auch herausgefunden, dass Reisen gar nicht so schwierig ist: der Transport an sich, das sich Zurechtfinden am Zielort, das Einchecken im Hotel, das Bestellen von Essen und Trinken, das Überwinden der Sprachbarrieren etc. Der Respekt ist weg. Reisen stresst nicht nur, es macht auch Spass!

Weiter wird vorausgesagt, dass diejenigen touristischen Drehkreuze, die nur dank Billigflügen überhaupt entstanden sind, bald wieder von der Flugkarte fallen werden. Sie seien nur besucht worden, weil sie besucht hätten werden können. Ryanair fliege zwar nächsten Winter ehrwürdige Kulturstädte wie Valencia oder Basel nicht mehr an, doch mache es diesen beiden Städten weniger aus. Grund: Basel könnte stattdessen mehr Besuche von Zürchern erhalten, sogenannten ehemaligen Vielfliegern im Ruhestand. Dabei wird ausser Acht gelassen, dass Billigfliegen nicht eine einseitige Sache ist. Nicht nur wir können billig in osteuropäische Kulturstädte fliegen, sondern auch deren Bewohner billig dorthin fliegen, wo es ihnen gefällt.

Einige Städte werden vielleicht von der Flugkarte fallen, doch nicht von der Landkarte. Die Menge aller Reisen wird womöglich abnehmen, doch werden vor allem die Distanzen kürzer. Der Zürcher fährt nach Basel statt nach Prag und der Prager nach Wien statt nach Valencia. Destinationen wie Balaton, Arad, Pau oder Oulu waren ja schon vor der Billigflugära eine Reise wert. Nun werden sie halt wieder zu Geheimtipps und mehr von Einheimischen besucht, die sich keinen Flug mehr leisten wollen, falls er nicht schon ganz gestrichen worden ist.

Ein Trend, der beispielsweise in Asien schon lange keiner mehr ist, könnte aufgrund der teureren Flüge in Zukunft aber auch bei uns vermehrt einsetzen: es werden gewisse Regionen oder Städte nachgebaut. Japaner brauchen beispielsweise nicht extra nach Holland zu reisen, um Grachten und Windmühlen anzuschauen, sondern können genauso gut mit dem Zug nach Huis Ten Bosch fahren. Gleiches gibt es in Japan auch für Deutschland, die Schweiz und andere Länder. Sollte man solche Orte nun als minderwertige Destinationen abtun? Die Besucherzahlen geben den Betreibern recht.

Dabei wurden die wichtigsten Fragen noch gar nicht gestellt. Weshalb reist Udo auf langen Stecken Business oder First Class: weil der Service besser ist? Wegen des Status? Nein, weil’s bequemer ist. Weshalb reist Udo mit dem Nachtzug an ein Seminar nach Dänemark und zurück? Günstiger ist es nicht und Zeit benötigt der Zug auch mehr, dafür ist es bequem, macht Spass und man trifft andere Menschen (mit und ohne Flip Flops). Weshalb fährt Udo mit dem Fahrrad – gemäss dem Artikel das Fahrzeug der Zukunft – zur Arbeit? Auch weil’s umweltfreundlich ist, aber vor allem weil’s das schnellste Transportmittel in der Stadt ist. Es gibt Leute, die am Reisen Spass haben und dabei Abenteuer erleben wollen. Wer sich wie der Krawatten-Träger aus dem Artikel am Flughafen über die Passagiere und deren Äusseres aufregt, bleibt am besten daheim.

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