Von Traumreisen handelt die letzte NZZ-Folio-Ausgabe. Auf Seite 73 folgt ein mit „Die glücklichsten Länder der Welt“ betiteltes Interview mit Eric Weiner, einem langgedienten Auslandskorrespondenten in Krisengebieten, der die zehn glücklichsten Länder der Welt besuchen durfte. Geführt wird es gleich von zwei NZZ-Folio-Redaktoren – gehaltvoller ist es deshalb nicht geworden. Wie Weiners Reisen finanziert worden sind, erfahren wir im Interview nicht. Dafür lässt sich auf Amazon rasch in Erfahrung bringen, dass Weiners Buch unmittelbar vor dem Interviewtermin mit NZZ Folio erschienen ist. Ein Fall für Udo Habermann.

Durch geschicktes Suchen im Internet kann der geneigte Leser in Erfahrung bringen, dass Weiners Auswahl seiner Traumdestinationen mit einem Besuch bei der World Database of Happiness in Rotterdam begonnen hatte. Kein Wort davon im Interview. Das Stöbern in der World Database of Happiness macht durchaus Spass – aber das Lesen des Interviews?

Das Gespräch ist gespickt mit teilweise provokativen Behauptungen, die aus Sicht des Autors als Erfahrungen oder Erkenntnisse verkauft werden, die nicht einen persönlichen Eindruck vermitteln, sondern den Anspruch auf Allgemeingültigkeit – Gemeinplätze halt. Die Schweizer sind verklemmt, langweilig, humorlos, aber glücklich. Oder Island gefällt Weiner am besten, weil es ein gemütliches, irres, kreatives Land ist. Und die Isländer sind traurig, aber glücklich, weil sie nicht neidisch sind. Als Weiner die zehn zufriedensten Länder zu viel werden, reist er in die Republik Moldau. Gemäss der Database of Happiness das unglücklichste Land der Welt – und mit Sicherheit das ärmste Land Europas. Weiner kommt zum Schluss: die Moldauer sind misstrauisch und unglücklich. Und die Afrikaner sind unglücklich, weil sie arm sind etc. Alles klar! Daneben zieht er gerne bekannte Namen heran, z.B. Henry Miller, Leo Tolstoi oder Franz Hohler. Darüber lässt sich aber hinwegsehen, denn es erhöht eher die Qualität des Gesagten als dass es ihr abkömmlich wäre.

Natürlich ist Glück und dessen Wahrnehmung eine subjektive Sache, geschweige denn dessen Vergleich! Aber das schliesst nicht aus, dass ein Gespräch über Glück und Traumreisen nicht gehaltvoll sein könnte. Das Interview mit Eric Weiner jedoch finde ich widersprüchlich und ärgerlich. Die Schweiz sei ein langweiliges, humorloses Land. Dieser Ansicht kann man durchaus sein. Doch ein paar Augenblicke später: Es gibt eigentlich keine langweiligen Orte, nur ungeduldige Menschen. Oder Weiner wäre zum Beispiel gern nach Kolumbien gereist, ein armes Land mit Problemen, das trotzdem glücklich sei. Grund: gemäss Glücksforschern verfüge Südamerika über einen „Latino Bonus“. Aber Afrika? Gemäss vielen seien zwar nur die Afrikaner wirklich glücklich, doch schaue man auf die Daten, seien diese in Wahrheit eher unglücklich. Grund: deren Armut. Schade, dass die Glücksforschung für die Afrikaner bisher noch nicht einen „Hakuna Matata Bonus“ erfunden hat. Einen objektiven Zusammenhang zwischen Glück und Geld herzustellen ist nicht realitätsfern, leider gehen die Interviewpartner diesem Zusammenhang nicht genauer auf den Grund.

Im übrigen erfahren wir, wo Weiner gerne leben und sterben würde, was seine eigene Traumreise ist, was man auf jede Reise mitnehmen und wie man überhaupt reisen sollte. Was wir aber nicht erfahren: wie haben es die USA, Grossbritannien oder Indien auf die Liste geschafft? Da wurde wahrscheinlich eher die Liste der grössten Absatzmärkte für englische Bücher mit derjenigen der glücklichen Länder verwechselt. Das Interview mit Weiner hinterlässt den schalen Nachgeschmack eines schlechten Marketing Gags.

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