Der Kreis meines ersten auf diesem Blog veröffentlichten Textes schliesst sich schon bald. Mein Freund, der damals geheiratet hat, vermählt sich im Juni dieses Jahres zum zweiten Mal. Fast fünf Jahre sind’s her.

Ich freue mich aber nicht nur auf seine Hochzeit, sondern auch auf meine erste private Reise nach Japan seit ungefähr acht Jahren. Doch bis es soweit ist, muss zuerst noch die ganze Wahrheit zu vor fünf Jahren raus bzw. wie es dazu gekommen ist, dass ich nackt durch die Lobby des Hotels spaziert bin.

Ein Handtuch hätte schon genügt. Foto: iStock; Martti Salmela.

Es passierte nach der dritten Feier. Die ersten beiden Feiern waren gigantische Anlässe, jedoch ohne Alkohol. Nach der zweiten Feier war für die weniger Frommen unter den Gästen eine Bar reserviert worden. Dort floss dann der Alkohol in rauhen Mengen. Morgens um drei hatte ich aber genug und spazierte zurück zum Hotel. Zurück im Zimmer trank ich noch einen halben Liter Wasser und zog mich aus.

Meine Erinnerung setzt hier wieder ein: Ich stehe vor der Eismaschine in einer Nische auf dem Gang. Die Schublade ist geöffnet und ich bin am Eiswürfelkauen – splitterfasernackt. Noch immer betäubt suche ich auf dem Gang ein Telefon, ein Tuch oder sonst etwas zum Abdecken. Erfolglos. Im Hinterkopf habe ich noch, dass im Erdgeschoss ein Swimming Pool liegt – und dort müsste es Badetücher haben. Also nehme ich den Lift und komme ungesehen bis ins Erdgeschoss. Doch dort ein Hindernis: zwischen Ausgang und Pool befindet sich das Morgenbuffet. Also wieder rauf in den achten Stock. Noch immer keine Hilfe weit und breit.

Beschwipst fasse ich einen Entschluss: der einzige Weg zurück in mein Zimmer führt über die Reception. Also wieder in den Aufzug und runter ins Erdgeschoss. Doch die Fahrt verlangsamt sich. Ich bedecke meine Scham. Ein älteres Touristenpaar betritt den Lift. Ob ihres geschockten Blicks bin ich erleichtert, dass es sich nicht um Hochzeitsgäste handelt. Im Erdgeschoss schnurstracks zum Empfang. Die Dame mustert mich ungläubig, als ich eine Ersatzkarte für den Raum 810 verlange, doch meine Identität kann sie schwerlich nachprüfen. Den neuen Schlüssel händigt sie mir unverzüglich aus, doch mir etwas zum Abdecken zu geben, auf diese Idee kommt sie nicht.

Ohne Zwischenfall gelange ich zurück in mein Zimmer und lege mich wieder schlafen, schliesslich ist es noch immer sehr früh. Die zahlreichen Versuche, mich aus dem Schlaf zu klingeln, bleiben erfolglos. Um 16 Uhr checke ich beschämt aus. Der Zwischenfall hatte vor allem eine Konsequenz: seither schlafe ich in Hotels nicht mehr nackt und schliesse auf jeden Fall per Vorhängeschloss ab. Geholfen hat’s. Jedenfalls bin ich seither nie mehr nackt durch eine Hotellobby gelaufen.

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