Hamburg besitzt mit Neuwerk eine Insel im Wattenmeer vor Cuxhaven, die man auch zu Fuss erreichen kann, indem man einfach durch die Nordsee läuft. Die Insel liegt im Bezirk Hamburg-Mitte, und mitten auf Neuwerk steht auch Hamburgs ältestes Bauwerk. Das Ganze ist kein Scherz!

Der Morgen ist klar, der Himmel blau, kein Lüftchen weht, was selten ist an der Nordseeküste. Der Cuxhavener Stadtbus der Linie 21 hält am Sahlenburger Strand. Es ist höchste Zeit, unsere Wattwanderung zu starten als wir aussteigen. Also rasch die Schuhe ausziehen, den Rucksack umschnallen und losgehen, denn es ist schon Niedrigwasser!

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Von der Nordsee keine Spur, nur eine von wenigen kleinen Wasserwegen durchzogene Sand- und Schlammfläche. Weit vor uns liegt Neuwerk, die grüne Insel mit dem kantigen Leuchtturm. Zwischen Sahlenburg und Neuwerk liegt nichts als Watt, also das, was Landratten vielleicht „Schlick“ nennen würden. Eine scheinbar öde, graubraune Fläche mit einem grandiosen weiten Himmel darüber. Doch das Watt ist höchst lebendig. Für tausende Tier-und Pflanzenarten ist es ein unersetzbarer Lebensraum, auch vom Aussterben bedrohte Tiere finden hier Schutz und Nahrung. Ein Grossteil der Lebewesen im Watt sind im Boden eingegraben und so für uns nicht sichtbar. Um diese Naturlandschaft zu erhalten, wurde fast das ganze Wattenmeer an der deutschen Nordseeküste zum Nationalpark erklärt.

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Im Nationalpark Wattenmeer. Foto: B. Jäger-Dabek

Neuwerk ist zwölf Kilometer von der Küstenlinie entfernt. Der Fussmarsch zur Insel ist anstrengend, denn es ist ungewohnt, so weit barfuss zu gehen. Hier und da gibt es eine kleine Muschelbank, für deren Überquerung man Sandalen dabei haben sollte. Kurze Hosen sind ebenfalls ratsam.
Der Weg nach Neuwerk ist durch Pricken (umgekehrte Reisigbesen) gut gekennzeichnet. Wer sich an die Markierungen hält, ist vor Überraschungen gefeit. Dennoch ist Vorsicht oberstes Gebot; nie sollte man vergessen, dass man sich im Meer bewegt. So sollte man sich strikt an die auf Informationstafeln bekannt gegebenen Wattlaufzeiten halten. Nicht zu Unrecht sagt man an der Küste, dass Wasser keine Balken hat. Vor der auflaufenden Flut kann man nicht weglaufen, wenn sie einen denn einholt.

Nach drei Stunden ist es geschafft, und man erreicht die grünen Deiche von Neuwerk. Erst einmal die Füsse abspülen, auf dem Deich rasten, das Panorama geniessen, mit Austernfischern als neugierige Nachbarn.
Spätestens hier bemerkt man sie, die ungeheure Artenvielfalt: Neuwerk ist ein Vogelparadies. Die Insel ist grün, von Deichen so gut es geht gegen die Gewalten der Nordsee geschützt. Nur wenige Häuser gibt es auf der Insel, fast alle beherbergen zivilisationsmüde Gäste, die Neuwerks reine Luft und Abgeschiedenheit schätzen.

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Hamburgs ältestes Bauwerk. Foto: B. Jäger-Dabek

Im Sommer kommen bei günstig fallenden Niedrigwasserzeiten die Wanderer aus Cuxhavens Ortsteilen Duhnen und Sahlenburg. Und es gibt noch eine Möglichkeit, die Insel trockenen Fusses zu erreichen: mit dem Pferdewagen. Das ist die etwas bequemere Variante, durchs Watt zu kommen. Und weil ja Neuwerk eine Insel ist, kann man sie natürlich auch auf dem Wasserweg erreichen. Die MS Flipper läuft Neuwerk zu täglich wechselnden Zeiten jeweils bei Hochwasser an.

Einen wunderbaren Überblick bekommt man vom Neuwerker Leuchtturm aus, dem Wahrzeichen der Insel. Schon 1306 wurde mit seinem Bau begonnen – und damit ist er Hamburgs ältestes Bauwerk, denn verwaltungsmässig gehört die Insel zu Hamburg. Erstmals als „Nige Oge“ erwähnt wurde Neuwerk schon um 900. Aus dieser friesischen Bezeichnung für „neue Insel“ wurde nach Fertigstellung des zunächst als Schutz gegen Seeräuber und die Gewalten des Meeres dienenden Turms 1310 „Nige Wark“ („neues Werk“), und später Neuwerk.
Der wuchtige, backsteinerne Turm, der seit 1814 als Leuchtturm dient, ist 45 Meter hoch. 138 Stufen führen zur Aussichtsplattform. Der Lohn der Aufstiegsmühen ist eine grandiose Rundsicht! An klaren Tagen kann man Helgoland im Nordwesten und den Leuchtturm Roter Sand im Westen sehen. Eine weitere Sehenswürdigkeit auf dem Inselrundgang ist der „Friedhof der Namenlosen“, auf dem viele unbekannte Seeleute ihre letzte Ruhe fanden, die das Meer anspülte.

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Neuwerk die grüne Insel. Foto: B. Jäger-Dabek

Die grüne Insel mit den nur 32 Einwohnern ist 300 Hektar gross und bietet als Teil des Nationalparks Wattenmeer Natur pur. Darüber kann man sich im Informationszentrum gleich neben dem Leuchtturm kundig machen.
Nur etwa sechs Kilometer entfernt, liegen die Vogelschutzinseln Scharhörn und Nigehörn, die man per Wattwagen oder auf einer geführten Wattwanderung gut erreichen kann. Auf Scharhörn, das sonst nicht betreten werden darf, erklärt der einzige Bewohner, der Vogelwart des Vereines Jordsand, die Vogelwelt.

Was man auf Neuwerk sonst noch machen kann? Das Wattlaufen und Bernsteinsuchen oder das Buttfischen zählen zu den maritimen Attraktionen. Der Wind pustet den Kopf frei, die Salzluft bring den Kreislauf in Schwung, die Ruhe entspannt Geist und Seele. Ach ja, und baden kann man natürlich auch!
Wer das Vergnügen Neuwerk so richtig abrunden möchte, bleibt auf der Insel und geniesst die Stille, wenn die Tagesgäste wieder abgereist sind. Am stilvollsten übernachtet man auf dem Neuwerker Leuchtturm, oder man nimmt sich in einer der Personen ein Zimmer mit Meerblick, sitzt später am Deich, geniesst den Sonnenuntergang und hört dazu die Vögeln singen.

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