Auf die EM in Polen und der Ukraine hatte ich mich sehr gefreut. Denn die letzte EM im Juni 2008 in Österreich und in der Schweiz hatte ich verpasst, weil ich per Zug durch die USA gereist bin (verdaut in zwei verspäteten Artikeln zu New York und Oakland).

Doch auch 2012 hat es nicht sein sollen. Ich buchte den Flug auf nach der EM um, denn es kamen plötzlich eine Menge Verpflichtungen in Japan auf, sodass ich den ganzen Juni in Tokyo und auf Hokkaido verbrachte.

Ohne Fussball hatte ich nun aber plötzlich kein Reiseprogramm mehr. Also fragte ich meinen polnischen Freund M.P, wohin ich ausser Warschau sonst noch gehen soll. Sein Antwort: entweder in den Südosten nach Lublin oder in den Norden nach Danzig. Mit der Aussicht auf Sonne und Meer entschied ich mich für Danzig und erhielt noch eine Handvoll Zusatztipps: Malbork, Westerplatte, Gdynia und Sopot.

Da ich den Monat zuvor in Japan mehr Geld als geplant ausgegeben hatte, setzte ich meine Polenreise unter ein Sparregime: 80 Franken pro Tag alles inklusive. Nach der Ankunft ging ich als erstes zum Hauptbahnhof und reservierte meine Tickets nach Malbork und von Danzig zurück nach Warschau. Und siehe da, die Tagesverbindung war überraschenderweise bereits ausgebucht, also entschied ich mich zähneknirschend für eine Rückfahrt um 8 Uhr morgens – was sich im Nachhinein als glückliche Fügung herausstellen sollte. Für meine je zwei Nächte in Warschau und Danzig buchte ich Mehrbettenzimmer in Hostels. Preis pro Nacht unter 20 Franken.

Neo_ll
Warschau (Quelle: Neo_ll bei flickr.com, CC BY 2.0)

Die Reise vom Flughafen zum HB begann mit einem Versehen, denn ich wusste nicht, dass ich Ticket auch noch hätte entwerten müssen, das ich vor dem Einsteigen am Automaten gelöst hatte. Der Kontrolleur sprach kein Englisch, reagierte jedoch nachsichtig, bzw. liess seinen Frust über mein Unwissen an den polnischen Passagieren aus, die nur ein müdes Lächeln dafür übrig hatten. In Warschau schaute ich mir ausführlich die rekonstruierte Altstadt mit Marktplatz sowie den Königsweg an. Den Kulturpalast, wie es einen in den meisten Grossstädten der ehemaligen Warschauer-Pakt-Länder gibt, habe ich auch von allen Seiten bewundert. Sehr gerne hätte ich das Museum der Geschichte der Polnischen Juden besucht, doch wurde dies erst im Herbst 2012 fertiggestellt, d.h. nach meinem Besuch. Einen Blick auf den jüdischen Alltag in Polen kann man aber schon jetzt im virtuellen Schtetl werfen.

Nach zwei Nächten in Warschau nahm ich den Zug nach Malbork, wo noch heute die Marienburg der Deutschordensritter steht. Im 14. Jahrundert galt sie als mächtigste Festungsanlage in Europa, auch im 21. Jahrhundert hat sie von ihrer Mächtigkeit kaum etwas verloren. Nur die Führung war mir mit drei Stunden ein wenig zu mächtig. Ich wollte ja am selben Tag noch weiter nach Danzig und schon die Hinfahrt hatte inkl. Verspätung mehr als fünf Stunden gedauert. Auch in Danzig war die Altstadt im Jugendstil sehr sehenswert. Sonst hätte es noch die heruntergekommene Hafenanlage und das historische Westerplatte gegeben. Beides schaute ich mir aber am nächsten Tag an, aber nur vom Schiff aus, als ich zur Halbinsel Hel – auf Deutsch auch bekannt unter dem putzigen Namen „Putziger Nehrung“ – übersetzte.

Die Fähre brauchte etwa zwei Stunden. Ungefähr 60 Minuten dauerte das Manövrieren durch die Kanäle und ebenso lange nochmals die Fahrt auf dem offenen Meer. Hel stellte sich als eine touristische Kleinstadt mit einem veritablen Sandstrand heraus. Ich genoss Sonne und Meer, bevor es per zweistündiger Zugfahrt weiter nach Gdynia ging. Dort fielen mir all die Leute in verdreckten Gummistiefeln und Wanderschuhen auf. Es fand gerade das Open’er Festival statt, eines der grössten Openairs Polens. Ich war ein enttäuscht, dass ich so nahe dran war und es trotzdem verpasste, aber spontan und völlig unvorbereitet zu reisen hat eben seine Vor- und Nachtteile. Ich fuhr weiter nach Sopot, das Sylt Polens, das mit Gdynia und Danzig zusammen eine Dreistädtepartnerschaft bildet.

sludgegulper
Gdynia (Quelle: sludgegulper bei flickr.com, CC BY 2.0)

Wahrscheinlich sparten sich in Polen alle ihre Anlässe auf nach der EM auf, denn am selben Wochenende war in Danzig die Baltic Sail zu Besuch. Und wie der Segelevent ebenfalls zum 16. Mal fand eine Woche darauf die International Festival of Street and Open-Air Theatres statt. Am Sonntag musste ich dann früh am Morgen auf den Zug zurück nach Warschau. Der war bis auf den letzten Platz mit Openair-Rückkehrern ausgebucht. Die Bahn holte ihre halbe Stunde Anfangsverspätung unterwegs locker auf und schaffte es pünktlich nach Warschau, d.h. pünktlich zum Wimbledonfinal, das ich in der Champions Sports Bar & Restaurant in vollen Zügen genoss.

Tagged: Archive, Länder, Polen, Reisetipps & Insider

Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Ihre Email Adresse wird nicht veröffentlicht

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>
*