Viel Abenteuer für wenig Geld ist das Motto eines jeden Backpackers. Oft geht er dafür durch die Hölle, letztlich wird ihm aber genau deswegen nie langweilig.

Backpacker's life

(Foto: Gabriela Rolli)

Fünf Uhr morgens. Ich werde durch das Geschnarche des Leidensgenossen hinter mir geweckt. Der Mann neben mir sitzt gekrümmt in seinem Sessel, während ihm der Speichel aus seinem offenen Mund auf die Schulter tropft.

Mein Rücken schmerzt und ich wünschte, ich könnte meine Beine strecken. Dabei ist die Busfahrt gar nicht so schlimm. Wir hatten nur zwei Pannen, das Kind vier Sitzreihen weiter vorne übergibt sich erst seit heute früh und wir haben nur eine Verspätung von drei Stunden. Es hätte schlimmer kommen können, da würde mir jeder Backpacker beipflichten.

Am Ziel angekommen, will der Taxifahrer weder die Unterkunft in die ich will, noch deren Adresse kennen. Ich zeige ihm die Karte – nichts. Dann steigt doch tatsächlich, einfach so, ein anderer Gast ein und der Fahrer braust los. Auch der zweite Taxifahrer will nicht kooperieren. Der Dritte ist dann willig, den Rucksack muss ich aber schon selbst in den Kofferraum hieven. Das mit Graffiti verschmierte, Einsturz gefährdete Gebäude, vor dem wir halten, lädt nicht gerade zum Verweilen ein. Aber ein Backpacker kennt kein Grauen – wenn er Geld sparen kann, schläft er auch auf dem Boden.

Victor öffnet die Tür, begrüsst mich mit einem Kuss auf die Wange (no joke!) und heisst mich herzlich als Familienmitglied willkommen. Die Kakerlake auf der fünften Treppenstufe ist, ihrer Rückenlage nach zu beurteilen, tot und der Schimmel in dem Glas, das ich beim vorbei huschen in der Küche stehen sehe, gedeiht bestimmt schon seit einigen Tagen. In meiner dunklen Zelle hausen sechs weitere Personen und ich bin wieder einmal mehr froh über meinen Hüttenschlafsack, da der Kissenbezug seit geraumer Zeit nicht mehr gewechselt worden zu sein scheint.

Da wir ja eine grosse Familie sind, gibt es weder Schlüssel für die Schlaf- noch für die Badezimmer. Ich hoffe inständig, dass meine Brüder und Schwestern weder zur Kleptomanie noch zum Voyeurismus neigen. Übermüdet erkunde ich die Gegend mit Jan, einem weiteren Familienmitglied der Herberge, kehre um Mitternacht zurück und lege mich müde auf die Pritsche. Die Britin unten rechts und die Australierin unten links schlafen bereits.

Gegen ein Uhr erwache ich das erste Mal, da jemand im Zimmer so laut schnarcht, dass selbst die fettesten Ohrenstöpsel nichts mehr helfen. Wie ich wieder eindöse, steht kurz darauf die Britin von ganz oben rechts auf und wühlt in ihrer Tasche. Sie geht raus und lässt die Tür offen, so dass das Licht in unsere Zelle strömt. Gegen drei Uhr kommt der Australier oben links vermutlich vom Ausgang heim und fällt krachend in sein Bett. Nachdem ich wieder eingenickt bin, stösst der Franzose von der rechten Seite in der Mitte die Tür auf, stellt sich ins Zimmer und furzt erst einige Male, bis er sich ebenfalls ins Bett begibt. Dann, wie der Morgen dämmert, läutet der Wecker der Britin ganz oben rechts. Sie stösst sich den Kopf beim aufwachen und die Australierin unten links flucht etwas vor sich hin. Endlich findet die Britin den Wecker und wühlt wieder in der Tasche. Dann endlich, wie um 10 Uhr morgens alle Zimmergenossen ausgeflogen sind, komme ich zu meinen wohlverdienten Schlaf. Gute Nacht!

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