Stellt euch folgende Situation vor: Zwei Mädels, Mitte 20, beschliessen, den Jakobsweg von Burgos bis nach Santiago de Compostela zu bewältigen. Also buchen sie den nächsten Flug nach Spanien, kaufen sich vorher noch schnell ein Velo und ein paar billige Velotaschen und schon geht’s los. Unvorbereiteter kann man so eine 2-wöchige Reise gar nicht antreten. Ein Pannenbericht.

Flughafen Leipzig
Für den Transport der Velos müssen wir den Lenker eindrehen, haben aber keinen Schraubenschlüssel dabei. Glücklicherweise hilft uns ein freundlicher Taxifahrer aus. Wir verpacken die Velos in Müllsäcken und mit Styropor, schliesslich sollen sie auf dem Flug keinen Schaden nehmen. Als wir die Velos aufgeben wollen, erklärt uns die nette Dame bei der Gepäckkontrolle, dass wir diese doch bitte wieder auspacken sollen, da man sonst nicht sehen kann, ob sich unter der Verpackung ein gefährlicher Gegenstand befindet. Die Luft sollen wir auch ablassen, damit die Reifen während des Flugs nicht platzen. Gesagt, getan. Das Velo wieder ausgepackt, dann wieder eingepackt und trotzdem noch den Flieger erwischt.

Ankunft Flughafen Madrid
Wir verlassen das Flughafengelände und schieben das Velo mit den platten Reifen neben uns her, denn wir haben keine Luftpumpe mit. Wie kommen wir jetzt ins Stadtzentrum? Der Flughafenbus will unsere Velos nicht mitnehmen. Auch die Taxifahrer schütteln den Kopf. Einer sagt: Wieso fahrt ihr nicht mit den Velos? Ähm ja, das Zentrum von Madrid ist kilometerweit vom Flughafen entfernt und dorthin führt nur eine erschreckend viel befahrene Autobahn, ausserdem haben wir keine Luft in den Reifen. An der Metrostation lesen wir, dass Velos in der Metro nur zu bestimmten Tageszeiten erlaubt sind und in den nächsten fünf Stunden natürlich nicht. Der Metro-Aufseher hat Mitleid mit uns und macht – nach zahlreichen Telefonaten mit seinen Kollegen – eine Ausnahme. Er schliesst uns die Tür neben dem Drehkreuz auf, damit wir mit den Velos passieren können.

On the road
Die Fahrt mit dem Zug von Madrid nach Burgos klappt ausnahmsweise reibungslos. In Burgos angekommen, besteigen wir unsere Drahtesel und machen uns auf ins rund 500 Kilometer entfernte Santiago de Compostela. Dann geht der Ärger weiter. Wir haben keinen Reiseführer dabei. Ohne Reiseführer ist es aber schwierig, die Pilgerunterkünfte zu finden. Zum Glück treffen wir unterwegs Hans aus Deutschland, der so freundlich ist und uns einige Seiten aus seinem Reiseführer kopiert. So müssen wir wenigstens nicht draussen auf dem Feld übernachten. Temperaturmässig wäre das kein Problem gewesen, denn selbst nachts sind es mindestens 20 Grad. Tagsüber ist es unerträglich heiss, das Thermometer steckt bei 36 Grad fest. Wegen der Hitze können wir nur zwischen 7 und 11 Uhr und/oder zwischen 16 und 20 Uhr in die Pedale treten. Wie kann man nur so blöd sein und mitten im Hochsommer so eine Tour machen? Bei diesen Temperaturen gibt sogar der Fahrradcomputer meiner Freundin den Geist auf. Meinen haben inzwischen übrigens zwei Kinder geklaut.
Es gibt noch weitere Verluste zu beklagen: Die Velotaschen sind – parallel zum Reissverschluss – gerissen. Wir packen unser Hab und Gut in Beutel, damit nichts aus den Taschen fällt, und versorgen den Riss notdürftig mit Nadel und Faden. So ist das, wenn man als Student auf das billigste Equipment angewiesen ist. Dazu gesellen sich drei kaputte Veloschläuche. Wir finden aber immer nette Jungs, die uns den Schlauch reparieren. Wir wissen nämlich gar nicht, wie das geht und haben nicht mal Flickzeug dabei. Auch als der Regen einen Teil der Wegstrecke in einen Bach verwandelt, naht Hilfe in Form von zupackenden jungen Männern, die uns die Velos abnehmen und durch den Matsch tragen. Sehr freundlich!

Die Route von der Schweiz aus

Santiago de Compostela
Der Anblick der gigantischen Kathedrale von Santiago de Compostela und die lebhafte Stimmung, die durch die vielen Pilger in dieser Stadt entsteht, entschädigen für alle Strapazen. Jetzt gilt es nur noch, die Urkunde abzuholen, die uns die Ankunft in Santiago bestätigt. Keine Ahnung, was uns erwartet, reihen wir uns vor dem Pilgerbüro in die Schlange ein. Als wir dran sind, werden wir gefragt, warum wir auf dem Jakobsweg gepilgert sind. Wir antworten: Weil wir schon vor vielen Jahren in der Schule davon gehört haben und weil wir uns die vielen schönen Städte unterwegs anschauen wollten und weil es eine sportliche Herausforderung ist. Damit war der Mann im Pilgerbüro leider nicht zufrieden. Wenn wir eine Urkunde haben wollen, müssen wir schon aus religiösen Gründen gepilgert sein. Okay, wir sind gepilgert, weil wir uns die schönen Kirchen unterwegs anschauen wollten. Damit ist der Mann zwar auch nicht ganz zufrieden, rückt aber die Urkunde trotzdem raus.

Die Rückreise
In Santiago de Compostela buchen wir den Abendzug nach Madrid. Hoffnungsvoll stehen wir mit den Velos am Bahnsteig. Der Zug fährt ein. Wir suchen unseren Wagen. Als der Zugbegleiter unsere Velos sieht, schüttelt er den Kopf und sagt, dass es dafür im Abteil keinen Platz gibt. Der Zug fährt ohne uns ab. Wir stehen am Bahnsteig, Tränen in den Augen und den Flug von Madrid nach Leipzig im Kopf, den wir auf gar keinen Fall verpassen dürfen.
Das Bahnpersonal verrät uns, dass es einen Nachtbus nach Madrid gibt. Den nehmen wir! Nun steht uns die letzte Hürde bevor: Die Fahrt vom Busbahnhof in Madrid zum Flughafen. Wieder will uns keiner mitnehmen, bis wir einen Taxifahrer finden, der die Velos mit einer Wäscheschnur (!) auf dem Dach seines Autos befestigt und uns zum Flughafen bringt. Wir haben in jeder Kurve Angst, dass unsere Räder auf die Strasse knallen, erreichen aber sicher unser Ziel. Ich sage lieber nicht, wie viel Geld uns dieser Extra-Service gekostet hat.

Was hat mich diese Reise gelehrt? Drei Dinge:
1. Für jedes Problem gibt es eine Lösung.
2. Niemals aufgeben.
3. Die anstrengendsten Reisen sind die schönsten und bleiben mir in bester Erinnerung.

Möchte ich noch einmal auf dem Jakobsweg pilgern? JA!

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