Gibt es etwas Vernünftigeres, als in der Schweiz erworbene Fremdsprachenkenntnisse im Land selber zu erproben? Eben. Darum reisen wir für sechs Tage nach St. Petersburg und schlagen uns mit Russisch durch. Zu unserer Überraschung – erstaunlich gut.

St.Petersburg

Auf unserem Programm steht ziemlich weit oben ein Ausflug nach Zarskoje Selo, einem Vorort von St. Petersburg, wo der berühmte, himmelblaue, mit goldenen Kuppeln verzierte Katharinenpalast steht. Unser Stolz lässt es nicht zu, dass wir eine geführte Tour buchen, wir wollen auf eigene Faust dahin gelangen. So stehen wir am Mittwochmorgen am Witebsker Bahnhof und reihen uns ein in die meterlange Schlange vor dem Schalter. Um uns ein Stimmengewirr aus Russisch, vielleicht auch Dialekten, Reisende mit überdimensioniertem Gepäck, Tarnfarben tragende Militärangehörige, wild gestikulierende Mütter mit Kindern und Hunden. Die Sonne schickt ihre ersten Strahlen durch die grossen Fenster, beleuchtet die grossflächigen Muster auf den Röcken der Frauen, Staub wirbelt in der Luft. Als wir endlich an der Reihe sind und zwei Billette bestellen, zischt uns die Dame etwas Unverständliches zu und zeigt mir der Hand nach oben. Verstanden haben wir sie zwar nicht, aber offensichtlich müssen die Tickets im oberen Stock gekauft werden.

Eine Etage höher erwartet uns dasselbe Szenario, obwohl – wir müssen nur noch 45 Minuten anstehen und nicht mehr eine Stunde. Dieses Mal verstehen wir die Schalterangestellte, aber im Besitz der Tickets sind wir immer noch nicht. Diese müssen nämlich direkt am Perron bezogen werden. Nach dem dritten Mal anstehen, man glaubt es kaum, haben wir endlich die Bahnbillette. Gottseidank gibt es auch in russischen Bahnhöfen digitale Anzeigen, sonst hätten wir womöglich noch mehrere Züge nach Zarskoje Selo verpasst, weil wir die Ortschaften zu langsam entzifferten.

Wir sitzen nun also in einer uralten Elektritschka, einem Vorstadtzug, und lassen das Rundherum auf uns einwirken. Es geht zu und her wie in einem Ameisenhaufen. Ein Verkäufer kommt mit einer Kühlbox voll Eis daher, der nächste verkauft Kreuzworträtselhefte, der dritte Kugelschreiber. Ein buntes Gemisch aus Menschen, Tieren, Taschen, Gepäck. Man hat uns vorgewarnt. Die Stationen seien nicht angeschrieben. Also starren wir wie gebannt auf die Uhr, ungefähr 30 Minuten sollte die Fahrt dauern. An uns fliegen graue Siedlungen aus Betonblöcken vorbei, mindestens 1000 Wohnungen müsste man meinen, mitten im Nirgendwo. Der Zug macht Halt, 30 Minuten sind um, wir fragen zur Sicherheit unsere Sitznachbarin, ob diese Station Zarskoje Selo sei. „Hhm“, raunt sie grimmig. Heisst das ja oder nein? Wir entscheiden uns auszusteigen. Es stimmt. Bald schon befinden wir uns im Katharinenpalast, in den prunkvollen Räumen, den üppig angelegten Gärten. Leider verpassen wir das berühmte Bernsteinzimmer: Die limitierte Anzahl Tickets ist für diesen Tag schon ausverkauft. Schade! Mit Bus und Zug kehren wir ohne Schwierigkeiten ins Hotel zurück. Ein bisschen stolz sind wir schon. Zufrieden sinken wir in die Kissen und träumen von weiteren russischen Abenteuern.

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