Die Tante am Bahnschalter kriegte sich kaum mehr ein vor Lachen: da wollen diese beiden Touristen doch tatsächlich von Minsk aus nach Brest fahren und am gleichen Tag wieder zurück! Dabei dauert die Hinfahrt allein schon fast vier Stunden.
Doch Udo und sein Cousin H.H. hatten einen Plan – und der hiess „Tagesausflug zur Brester Heldenfestung„. Am Bahnhof in Brest angekommen, herrschte erst einmal Konfusion. Wo ist der Informationsschalter? Wo fährt der Bus? Keine Ahnung! Drum ab an den Taxistand. Doch keiner versteht Englisch. Also ist gebrochenes Russisch gefragt. Ein einziger Fahrer traut sich schliesslich und ruft per Handy eine Bekannte an. You like see Fortress only? We have nice park also, you want not see? There you can meet our Bison!

Dawai – also los! Die Kommunikation mit dem Taxifahrer lief vor allem über Hände und Füsse. Beim Eingang zur Festung wies er uns an, eine Uniform anzuziehen und darin vor einem Panzer zu posieren. Gesagt, getan. Was uns erst danach dämmerte: im Preis inbegriffen war das Tragen der Uniform während des gesamten Parkbesuchs. Unzählige Male wurden wir in der Folge von einheimischen Eltern gebeten, mit ihren Kindern in der Mitte zu posieren.

Die Festung war riesig und die Skulpturen gigantisch. Die Brester Festung ist eine von nur 13 Orten in der gesamten Ex-Sowjetunion, welche die Ehrbezeichnung Heldenstadt tragen darf.



Von der Festung aus fuhren wir weiter zum Nationalpark Białowieża. Wir statteten erst dem mit zahlreichen ausgestopften Tieren liebevoll eingerichteten Museum einen Besuch ab. Danach schauten wir uns im Park die (noch?) nicht ausgestopften Bisons an. Die Ansicht des schwersten und grössten Landsäugetiers Europas allein war die Fahrt dorthin wert.

Zurück am Bahnhof verband uns der Fahrer nochmals mit seiner „Dolmetscherin“: How did you like our Brest? Ja, das mochten wir sehr! Hätten wir nicht nach Minsk zurück müssen, der Zug aus Moskau, d.h. ein einzelner Bahnwagen davon, hätte uns direkt von Brest mit nach Basel (nicht Zürich…) genommen.

In wenigen Städten, die früher zur Sowjetunion gehörten, herrscht noch immer ein derartiger Sowjetgroove wie in Minsk. Auf dem Postamt (auf russisch: Postamt) – einer der vielen Prunkbauten aus einer vergangenen Ära – bestand die Schalterbeamtin darauf, jede Postkarte eigenhändig mit Briefmarken zu versehen. Und nicht weit von der Post entfernt steht eines der eindrücklichsten Fussballstadien der Welt – Korrektur: das Fussballstadion mit den grössten Flutlichtmasten der Welt.

Trotz gültigen Visums bestand die grösste Schwierigkeit auf unserer Reise in und durch eine der letzten Diktaturen Europas schliesslich nicht bei der Ein-, sondern der Ausreise. Denn uns fehlte das Formular für eine in Weissrussland anerkannte Krankenversicherung – was uns bei der Einreise noch durchgelassen wurde, weil wir vorflunkerten, es vor der Ausreise noch irgendwo zu organisieren. Zum Glück zeigten sich die grimmig dreinschauenden Beamten schliesslich von ihrer unbürokratisch gütigen Seite und liessen uns nach einigen Entschuldigungen unsererseits nach Litauen abhau…, äh, abreisen.

Das KGB-Gebäude in Minsk. Alle Fotos: Udo Habermann.

Tagged: Archive, Reisetipps & Insider, Weissrussland

Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Ihre Email Adresse wird nicht veröffentlicht

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>
*