Eine Zugfahrt bringt ohnehin Interessantes zu Tage, ob man dabei aktiv zuhört oder beobachtet, spielt überhaupt keine Rolle.

zugfahrt II
(Foto: Keystone / Martin Ruetschi)

Wir erfahren so einige Geschichten über und von Menschen, die wir noch nie zuvor gesehen haben: ihre Enttäuschungen und Erfolge, berufliche und private. So erfahren wir alles über die Probleme der Tochter, die zum ersten Mal ihre „Tage“ hatte und sich noch schwer tat, ein Tampon zu benutzen; über den Sohn, der seiner Freundin einfach nicht sagen kann, dass er von ihr nichts mehr will; und über den Mann, der abends heim kommt und einfach nicht mehr den Abwasch erledigen mag. All dies sagt zumindest die Mutter am Telefon, deren Stimme selbst durch meine Kopfhörer dröhnt – und dies, obschon sie zwei Abteile weiter vorne sitzt.

Die junge Frau mit dem komischen beigen Berèt, die aussieht wie eine französische Aushilfslehrerin am Untersemi in Obersiggenthal – nennen wir sie mal „die Frau mit dem komischen Berèt“ – diese Frau übertrifft nun aber alles, was ich auf einer Zugfahrt je gehört oder gesehen habe. Nicht, weil das, was sie sagt, überdurchschnittlich spannend wäre. Nein, sie ist die erste, die all diese interessanten Gespräche über die beste Freundin, die Tochter, den Sohn und den Mann in drei verschiedenen Sprachen führt. Wahnsinn! Erst erzählt sie ihrer Freundin auf Englisch – in akzentfreiem Schulenglisch! –, wie müssig sie es fände, dass ihre beste Freundin ihrem Freund ständig erklären müsse, dass ihre beste Freundin, also die Frau mit dem komischen Berèt, in ihrem Leben, also in dem der Freundin, von der sie erzählt, eine zentrale Rolle spiele, und er sich deswegen keine Gedanken machen müsse, er käme zu kurz. Alles verstanden, nur den Sinn nicht! Weiter nicht tragisch, denke ich, immerhin beweist sie mir und den anderen Personen im vollbesetzten Zug von Olten nach Bern eindrücklich, wie gut sie Englisch spricht.

Dann aber, ich erschrecke, telefoniert sie plötzlich mit einer anderen besten Freundin (aha!) und macht mit ihr einen Termin ab (ich weiss das, weil sie ihren Blackberry aus der Tasche nimmt) – auf Italienisch! Alle Achtung. Im Gegensatz zum Englischen kann ich nun nicht mehr so einfach folgen und verstehe nur noch wenige Wortfetzen, z. B. eben, dass es sich um die andere beste Freundin handeln muss. Was aber der genaue Inhalt des Gesprächs ist, lässt sich nicht sagen. Aber nach dem Inhalt des vorherigen Gesprächs schliessend denke ich, dass es wohl nicht so wichtig sei. Nach langen zehn Minuten, wir sind schon fast in Herzogenbuchsee, beendet sie ihr Gespräch. Am liebsten würde ich aufstehen und ihr anerkennend zuklatschen. Eine solche Leistung und dann noch in dieser Lautstärke müsste man honorieren, geht mir durch den Kopf. Tu ich dann aber doch nicht. Verstehen tu ich später alles, als sie ihren Mann anruft und ihnen bittet, dem Sohnemann schnell noch eine Tube Clearasil im Coop zu kaufen. Schliesslich habe er morgen seine erste Disco bei Nina.

Unter all diesem multilingualen Talent im Zug von Olten nach Bern fällt mir jedoch Rocco ein, der kleine, sehr aggressive aber bemitleidenswerte Italiener aus meiner Parallelklasse während der Primarschulzeit. Rocco sprach perfekt Italoschweizerdeutsch. Er, und nicht nur er, sondern auch Giusi, Berta, Olivia, Renato, Vincenzo und all die anderen Italos an unserer Schule verstanden es noch viel besser als die Frau mit dem komischen Berèt, mehrere Sprachen zu sprechen – sogar in einem Satz! Eine Kostprobe: „Hey Renato, hesch geschter gseh il film di cassetta ‘lo squartatore con il gambale?’” – “Nei, mini blödi Schwöschter het con sua amiche grassi rote Rosen su la tavola glueget, so en bullshit, Mann.“ Das Einzige, was ich aus dieser Zeit wirklich vermisse, sind italodeutsch sprechende Italiener.

Dank der Frau im Zug von Olten nach Bern fühle ich mich wieder wie zehn.

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