Man muss nicht weit gehen, um ungewöhnliche Menschen zu treffen. Eine Reise mit dem Zug von Zürich nach Olten tut’s auch!

zugfahrt I
Selten ist’s so leer und ruhig (Foto: Keystone / Martin Ruetschi)

Er sah aus wie ein Gentleman. Ein junger zwar, aber er hatte sich Mühe gegeben beim Anziehen am Morgen. Die Rose in seiner Hand, die ich beim Einsteigen in den ICE von Zürich nach Olten sah, deutete darauf hin, dass er eine Verabredung hatte, mit einer Frau? Seiner Freundin?

Für eine Ehefrau schien er mir noch zu jung. Wie der Zufall es wollte, setzte er sich im Viererabteil neben mich, legte die Rose vorsichtig auf das Tischchen vor ihm, die Jacke mit dem künstlichen Fell an der Kapuze fein säuberlich auf den Sitz neben ihn. Gerade packte ich meinen iPod aus der Tasche, da hörte ich dieses ach so grässliche Knipsen – ein Geräusch, das ich mehr hasse als alles andere. Der junge Gentleman schnitt sich die Fingernägel. Knick, knick, und noch einmal knick. An einem 26. Dezember ist meine Toleranzgrenze von Natur aus schon sehr hoch angelegt. Nichts bringt mich aus der Ruhe; nicht die Frau, die mit zwei schwerbepackten Koffern inmitten des Hauptbahnhofs stehen bleibt und mir den Weg versperrt, nur weil sie auf die Uhr schauen muss, obwohl es eine vor ihrer Nase hätte; auch ärgert mich an diesem Tag nicht, wenn ein kleines Kind mit seinem Geschrei meine Ohren malträtiert, nur weil es zu doof ist, sein Sandwich nicht auf den Boden fallen zu lassen; und schon gar nicht stört es mich an einem solch wunderbaren Tag, wenn ich schweissgebadet – weil gerannt – am Perron ankomme, der Zug dann aber fünf Minuten Verspätung hat.

Ich konnte mich aber beim besten Willen nicht entscheiden, was ich davon halten sollte, dass jemand im Zug seine Fingernägel schnitt. Sicher, die Absichten des aller Wahrscheinlichkeit nach frisch Verliebten waren wohl ehrenhaft. Er wollte es vermeiden, seiner Angebeteten mit zu langen Fingernägeln gegenüber zu treten und ihr beim Petting – er sah recht nervös aus – einen unbeabsichtigten Kratzer zuzufügen. Aber rechtfertigte dies, dass er seine Fingernägel in einem Zug schnitt?Anzufügen ist, dass seine Fingernägel sauber waren. Das konnte ich sehen, als ein kleines Stück Nagel, wohl vom Ringfinger, auf dem Tischchen vor mir landete und wie eine winzig kleine Schildkröte hilflos auf dem Rücken liegen blieb.Leider musste ich aussteigen. Ich hätte gern gesehen, wie er seinen gelben Pickel an der Schläfe ausgedruckt hätte.

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