Noch ist es ruhig...

(Foto: Keystone / Martin Rütschi)

Kürzlich im Intercity Zürich – Olten. Meine Freundin und ich betreten das volle Abteil, rundherum müde Gesichter, zwei kleine Mädchen rennen und schreien herum. „Härzig“, denke ich. Wir setzen uns. Die beiden Mädchen schreien weiter, spielen „Versteckis“, laufen, lachen, immer hin und her. „Herzig“, denke ich noch einmal.

Dann ein ohrenbetäubender Schrei direkt neben uns, die eine hat die andere gefunden, meine Freundin weint fast vor Schmerzen, da platzt mir der Kragen. „Hallo, geht’s noch?“ schreie ich die Mädchen an. Ich wusste sofort: Ups, das war zu hart. Egal. Jetzt ist still.

„Spinnst du?“ schnauzt mich dann die junge Frau gegenüber auf Hochdeutsch an. „Sind ja nur Kinder. Warst du nie jung?“ Hä? Was will die denn, denke ich, und ja, ich war jung. Ich kann mich noch gut erinnern, wie mir meine Eltern beibrachten, in vollbesetzten Zügen an einem Sonntag nicht herumzurennen (damals gab es noch keine Spielecken) und leise zu reden.

„Was geht dich das an?“ frage ich sie zurück, und sie sagt nur: „Typisch Scheiss Schweizer.“ Hoppla, was ist das denn? Die Mutter kommt sich inzwischen mit den Mädchen entschuldigen, ich entschuldige mich auch – Sache abgehackt.

Naja fast. Ab der Deutschen, die mich als Scheiss Schweizer betitelte, nur weil ich (zu laut, ich weiss) mein Recht auf Ruhe erwirken wollte (meine Freundin hatte starke Kopfschmerzen), frage ich mich noch immer. Mit Nationalität hat das nichts zu tun, oder doch? Antiautoritärer Erziehungsstil scheint in Deutschland weit verbreitet zu sein.

Aber schliesslich, kurz vor dem Aussteigen, war ich der etwa 24jährigen Deutschen dankbar. Sie hat mir gezeigt, dass man in Zügen (oder U-Bahnen) niemanden zurechtweisen darf und selbst Kinder in Ruhe schreien und spielen lassen muss. Ich passe in Zukunft auf, was ich Kindern sage. Sonst schnauzen sie mich noch an: „Fuck you, was willst du von mir?“ Oder hauen mir eins in die Fresse. Tja, 1.93 m Körpergrösse und 104 kg Körpergewicht schreckt niemanden mehr ab. Schon gar nicht mehr Kinder in der heutigen Zeit.

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Kommentare

  • Netscout

    Antiautoritärer Erziehungsstil scheint in Deutschland weit verbreitet zu sein.

    Ehm, wie war das schon wieder mit der Nationalität? Die Tatsache, dass die Aussage von einer Deutschen stammt hat ja nichts mit dem Erziehungsstil in Deutschland zu tun.

    12. Februar 2008 at 20:58
  • 8R-1

    Irgendwie schon, doch. Sie nennen es „seblstbewusst“, ich nenne es „arrogant“. Und das hat etwas mit Erziehung zu tun. Überall die Dominanz raushängen, vordrängeln, „ich zuerst“, immer zackzack, gestern, vorgestern und übermorgen leben, Hauptsache nicht jetzt. Irgendwie unzivilisiert, uniform, Söihäfeli Söitecheli, isch eine und blibt eine. Blib dört wo de bisch, arrogante XXXXXXXob

    28. Juli 2009 at 08:56
  • SBB-Pendler

    Hmm. Gebe Netscout recht, dass man nicht darauf schliessen darf, doch vielleicht war der Satz eine Feststellung… wer weiss? Ich habe das Scherz aufgefasst. Mich würde es interessieren, mit welchem Fuss die Dame aufgestanden ist. Egal von wo sie kommt, wenn jemand im Zug rumschreit, finde ich das peinlich (genauso wie jemand, der andere Reisende stört). Mir könnte an einem schlechten Tag auch eine unangebrachte Bemerkung rausrutschen. Sie hätte sich aber auch entschuldigen können.

    30. Juli 2009 at 15:26

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