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In fremden Ländern nehme ich – wie daheim – am liebsten den Zug. Doch an vielen Destinationen und auf zahlreichen Strecken muss man froh sein, überhaupt ein öffentliches Verkehrsmittel vorzufinden, das diesen Namen verdient. Eine praktische Lösung für mehr Bewegungsfreiheit bietet der Mietwagen. Diese Freiheit wird jedoch oft durch tiefe Geschwindigkeitslimiten eingeschränkt.

Und welche Temposünder sind im Ausland wohl die beliebtesten Opfer? „Natürlich die finanziell potenten Ausländer im Mietwagen!“, könnte man meinen, doch dem ist nicht immer so. Denn oft ist der Mietwagen ein Bonus, wenn es um das Ausstellen, bzw. das Verzichten der Busse geht. Es geht ja um den Ruf des Landes, das man als Ordnungshüter repräsentiert.

Auf allen Kontinenten wurde ich mindestens schon einmal geblitzt (dafür in der Schweiz noch nie). Am meisten Respekt hatte ich dabei in Mexiko: Ein Polizist wie aus einem Hollywoodfilm – dicker Bauch, Schnauz, Sonnenbrille – tritt an unser Auto heran. Man hat ja schon viel von solchen Zwischenfällen gehört, da geht einem einiges durch den Kopf. Doch siehe da, während ich im Stillen bereits den fälligen Dollarbetrag kalkuliere, meint es der Polizist gut und lässt uns mit einer Ermahnung weiterfahren. Ob er wohl gerade von einer Schulung gekommen ist, in der vermittelt wurde, wie das Image des Landes als Tourismusdestination aufpoliert werden kann?

Am meisten über dem Limit geblitzt wurde ich kürzlich auf Hokkaido in Japan. Die Strassen dort sind kaum befahren und die Geschwindigkeitsbegrenzungen sehr tief. Innerorts 40 km/h, ausserorts 60 km/h und auf der Autobahn gilt 80 km/h! Trotzdem gibt es auf der nördlichsten Insel Japans überproportional viele Unfälle – weil sich JapanerInnen aus anderen Landesteilen freie Fahrt kaum gewohnt sind.

Wir genossen das Cruisen durch die Weiten Hokkaidos, als uns plötzlich ein Patrol Car folgt. Ich frage mich noch, ob es wohl weiter vorne einen Unfall gegeben habe, bis ich merke, dass wir diejenigen sind, die von der Polizei verfolgt werden! Ich halte also auf der linken Strassenseite an und warte. Ein Polizist steigt aus und tritt vor die Fahrertür. Zuerst erschrickt er, denn mit einem Ausländer hat er nicht gerechnet. Er bittet mich, zu seinem Wagen zu folgen.

Im Polizeiauto drin werde ich zuerst einmal aufgeklärt, dass auf dem Dach ein Radar montiert und ich zu schnell gefahren sei. Eine Maschine spuckt das Verdikt aus: eine Quittung, die besagt, dass ich statt der erlaubten 60 km/h mit 88 km/h unterwegs gewesen sei. Hmm, denke ich, und in der Schweiz wären 80 km/h erlaubt gewesen… Das macht dann drei Verlustpunkte und 18,000 Yen (rund CHF 225) Busse, eröffnet mir der Chefpolizist und bittet um meinen Fahrausweis.

Dabei muss man wissen, dass der in der Schweiz ausgestellte internationale Führerschein in Japan nicht anerkannt wird. Man muss bei der Schweizer Botschaft in Tokyo eine Übersetzung des nationalen schweizerischen Führerausweises beantragen, wenn man als Tourist in Japan Auto fahren möchte.

Ich zeige dem Chefpolizisten meinen CH-Ausweis sowie die amtlich beglaubigte Übersetzung. Und der Chefpolizist erklärt seinem jüngeren Adlatus tatsächlich, dass Japan das Übereinkommen über den Strassenverkehr von 1968 nicht unterzeichnet habe und deshalb nur internationale Führerscheine akzeptiere, welche auf Grund eines früheren Übereinkommens (Genf, 1949) ausgestellt worden seien. Deshalb führe dieser Schweizer seinen nationalen Ausweis plus Übersetzung mit sich. Der Chefpolizist scheint über die Wirkung seines Wissens bei seinem jüngeren Kollegen derart zufrieden mit sich, dass sein Herz erweicht.

Zu schnell fahren ginge ja, sagt er, doch 30 km/h über dem Limit seien schon ein wenig viel. Dabei entschuldige ich mich im Dreisekundenrhythmus. Er wolle es jetzt aber bei einer Ermahnung belassen und empfiehlt mir, Hokkaido von jetzt an mit mehr Musse zu geniessen. Bis an unseren Tageszielort Kushiro halte ich mich auch daran, denn die Scham, am selben Tag ein zweites Mal geblitzt zu werden, will ich mir ersparen.

Ich will sie mir vor allem deshalb ersparen, weil mir dieses Missgeschick schon einmal widerfahren ist – nämlich in Thailand. Das waren auch die einzigen beiden Male, dass ich tatsächlich zur Kasse gebeten wurde – unter der Hand, versteht sich. Jeweils 500 Baht (ca. 16 Franken) liess ich springen und war mit mir zufrieden. Der Polizist schien es auch gewesen zu sein. Später leuchtete mir ein, weshalb. Mein Gastvater machte sich nur lustig über soviel Dummheit meinerseits, denn 200 Baht hätten es locker getan, meinte er. Danach widmete er sich seiner Lieblingsbeschäftigung: er malte sich aus, was für ein Festmahl der Polizist und seine Familie an diesem Abend mit dem Extrageld wohl genössen und machte sich selbst daran, über sein Abendessen nachzudenken…

Tagged: Archive, Japan, Mexiko, Reisetipps & Insider, Thailand

Kommentare

  • Cornelia

    Das kenne ich nur zu gut. In Hokkaido geblitzt zu werden ist ja leider sehr einfach, bei den Limiten, man schleicht ja eher als dass man fährt. Aus Neuseeland habe ich mal einen Strafzettel bekommen, der mir nach Europa nachgeschickt wurde! In Jordanien dagegen wurde ich zweimal an einem Tag von der Polizei wegen überhöhter Geschwindigkeit angehalten, und wurde beides mal nur weitergewunken. Die Formalitäten mit einem Ausländer, und das auch noch auf englisch, wollten sie sich wohl nicht antun 😉 der Mietwagen/Touristenbonus hat definitiv gewirkt!

    10. Januar 2013 at 20:33

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